Synchronizität
Auf einmal ruft wieder diese körperlose Stimme: "Warum?" Einige Meter über dem Mann treibt der Schwertwal reglos an der Wasseroberfläche. (Im Becken eines Delphinariums) Er scheint den Ertrinkenden nicht wahrzunehmen. Steht auch er an der Schwelle zum grenzenlosen Universum der vereinten Seelen? Der Tod ist da, er ist ganz nah. (...)
Etwas in Mas (Name des Schwertwals) tiefstem Innern will nicht loslassen - eine Stimme! Eine zarte Stimme, die Stimme der Delphinin, der jungen Zauberin aus dem Reich der tausend Vulkane. Ma lauscht. Die Delphinin erzählt von dem Mann, der sterben wollte. Von der Traurigkeit, die auf seiner Welt lastete. Von dem Mann, der sich selbst rettete, indem er den Delphin rettete, und der gekommen war, um Ma zu retten. Vielleicht ist dieser Mann ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass die Menschen bereit sind! Ma hört alles. Die dicksten Mauern können den Geist nicht aufhalten. Die Delphinin singt eine Legende, die seit Urzeiten in allen Meeren der Welt gesungen wird: Die Legende des großen Bundes. Vor langer, langer Zeit waren Mensch und Delphin eins. Dann kam die Zeit der Spaltung, die Zeit der Wahl. Die einen wählten das Meer, die anderen das Land. Die Legende sagt, dass irgendwann der Tag kommen wird, da die Menschen bereit sein werden, den großen Bund zu erneuern. An diesem Tag werden Mensch und Delphin auf der ganzen Erde miteinander tanzen.
Ma ist ganz Ohr. Ihr Geist ist allgegenwärtig. Er erinnert sich an die Zeit, von der die Legende erzählt. Die Delphine haben die Menschen seit alters wie ihre eigenen Kinder behandelt. Ma hört die Schmerzens- und Todesschreie der Millionen Delphine und Wale, von Harpunen zerfleischt, in Fischernetzen elend ertrunken, von den Abfällen der Menschen vergiftet. Sie sterben durch die Hand der Menschen und hören dennoch nicht auf, sie zu lieben und zu beschützen.
An die Stelle der Schmerzenschreie treten die Begeisterungsrufe der kleinen Zuschauer, die Ma in ihrem Becken bewundern. Für Augenblicke vergisst sie ihre Gefangenschaft. Kinder schlagen die Brücke zwischen Mensch und Wal. Sind die Menschen bereit? Bereit, auf die Delphine zu hören? Wir alle wiegen uns im Schoß der lebendigen Erde. Wir sind eins und doch viele. Unser Denken und Handeln bestimmen die Welt. Das Leben ist Einheit in Vielfalt. (...)
Nur einige Hundert Meter entfernt, in den ruhigen Wassern der Bucht, spürt die Delphinin, dass Monsieur Gris' Leben auf Messers Schneide steht, und sie beginnt zu tanzen, mit Leib und Seele zu tanzen. Eine leichte Strömung wühlt das Wasser im Becken auf; Monsieur Gris fühlt die wogende Bewegung. Der Wal beginnt, sich im Rhythmus des tanzenden Delphins zu wiegen, und sinkt langsam zu Boden. Reglos liegt dort der Mann, der auf ihn zu warten scheint. Behutsam schiebt Ma die große Flosse unter seinen Rücken und hebt ihn hoch. Mit riesenhafter Hand drückt sie ihn an ihre weißschimmernde Brust und schwimmt mit ihm nach oben.
In den Armen eines Engels schwebt Monsieur Gris den Sternen entgegen. Endlich wird er erfahren, was ihn auf der anderen Seite erwartet. Ma hält ihn fest. Brust an Brust atmen sie gemeinsam, tauchen gemeinsam aus dem Wasser. Gemeinsam werden sie der Welt wiedergeboren, durchströmt und verzaubert von derselben Melodie. Sie tanzen - irgendwo zwischen Wasser und Himmel. Im selben Augenblick...
...im selben Augenblick, nicht weit davon entfernt, auf der belebten Uferpromenade.
Die Hände in den Taschen, den Kopf voll quälender Fragen, schlendert Tom über den Kai. Plötzlich sieht er im Vorhafen an mehreren Stellen Wasser in die Luft spritzen. Sein Puls steigt. Eine Gruppe Delphine springt im Hafenbecken herum, dort, wo er einige Stunden zuvor mit Monsieur Gris entlanggerudert war. (...)
Jeder will die Delphine sehen. Tom würde sie gerne von nahem anschauen. Auch ein junges Mädchen will näher heran. Als sie die Mole erreichen, bemerkt Tom, dass die Delphine nicht wild durcheinander schwimmen, sondern Kreise ziehen. "Sie tanzen", ruft Tom voller Begeisterung . (...) Das Mädchen beobachtet entzückt die Delphine und sagt plötzlich mit größter Selbstverständlichkeit: "Sie möchten, dass wir mit ihnen tanzen."
Bald ist die Mole vor lauter Menschen nicht mehr zu sehen. (...) In der Mitte des großen Reigens erkennt Tom einen Delphin mit einer Kerbe in der Finne. Er weiß, dass es der Delphin von Monsieur Gris ist. Welch ein Jammer, dass ausgerechnet ihm dieses unglaubliche Schauspiel entgeht. (...) Das Mädchen flüstert Tom ins Ohr: "Tanz mit mir."
...im selben Augenblick, an Bord der Lutin, etwa vierunddreißig Meilen südwestlich der Bucht.
Tonio beobachtet die unruhige Wasseroberfläche und die in der Dunkelheit silbrig glänzenden Schaumspritzer. Er glaubt zunächst, dass es sich um eine Thunfischschule auf Beutejagd handelt. (...) Lino, der ihm beim Fischen hilft, ruft als erster: "Es sind Schwertwale!" In zwanzig Jahren Hochseefischerei hat Tonio dergleichen noch nie erlebt. Vor seinen Augen, mitten auf hoher See, hat sich eine riesige Herde Schwertwale versammelt: Kühe mit ihren Kälbern und Bullen mit Finnen wie masthohe schwarze Schwerter. Elegant und anmutig schwimmen sie im Kreis, ihre erhabenen Finnen heben und senken sich im fahlen Schein des Mondes wie die Pferde auf dem Karussell aus Tonios Kindertagen. (...) Glückselig betrachtet Tonio an diesem Abend die tanzenden Wale. Wenn sein Neffe Tom doch bloß da wäre.
...im selben Augenblick, im Hydroakustischen Forschungsinstitut von Dam Neck in Virginia.
Das plötzliche Blinken der Warnlämpchen reißt den Diensthabenden jäh aus dem Halbschlaf. Er versteht nicht, warum die Lämpchen auf den Kontrollbildschirmen leuchten. (...) Über die gesamte Fläche des Ozeans, von Norden nach Süden, melden die Hydrophone an mehreren Stellen sogenannte "AAA". Im hausinternen Fachjargon ist eine AAA eine "Anomale Akustische Aktivität". Das kann alles sein, vom Ufo bis zum Vulkanausbruch unter Wasser. Merkwürdig erscheint dem Diensthabenden, dass alle Signale, obwohl ihre Quellen Tausende von Meilen voneinander entfernt sind, exakt zur gleichen Zeit gesendet wurden. Solch eine Synchronizität ist nur mit Hilfe hochmoderner Technologie möglich. (...) Der Verlauf der Kurve kommt ihm bekannt vor, (...) und plötzlich begreift er: Das sind Stimmen von Walen! Aber wie ist es möglich, dass Wale, die sich an völlig verschiedenen Orten des Ozeans befinden, absolut simultan Laut geben? Und vor allen Dingen, was hat das zu bedeuten?
Aus aller Welt kamen Berichte über das außergewöhnliche Verhalten der Wale und Delphine an diesem Tag des niedrigsten Sonnenstands. Man kam zu dem Ergebnis, dass unter Berücksichtigung des Zeitunterschieds, ihr Tanz überall auf der Erde auf die Sekunde genau zur gleichen Zeit begonnen hatte. (...)
Einige glaubten, der Grund für den "Tanz" sei in Wirklichkeit eine geomagnetische Störung gewesen. (...) Andere behaupteten, dass die Delphine mit diesem beeindruckenden Schauspiel den Menschen eine Botschaft des Friedens und der Liebe überbringen und sie zum Schutz der Meere und des gesamten Planeten aufrufen wollten. (...) Zumindest hatten die Delphine, weit über ihre Darbietung hinaus, die Menschheit mit grundlegenden Fragen konfrontiert. Hatte man die Intelligenz der Cetaceen vollkommen unterschätzt? Waren Menschen möglicherweise in der Lage, sich ebenfalls ohne technische Hilfsmittel aufeinander einzustimmen? Gab es vielleicht eine höhere Frequenz, die alle Lebewesen, vom kleinsten Pantoffeltierchen bis zum größten Blauwal, miteinander verbindet?
Eine Art "delphinischer Geist" schien auf die Menschheit herabzukommen. (...)
"Die Menschheit delphinisieren", wiederholte Gris etwas außer Atem, "verstehst du, was das heißt, Tom?" (...)
Aufgeregt sprang Tom von Stein zu Stein. Schließlich erklärte er strahlend: "Es scheint, dass wir in das Zeitalter des Delphins eintreten und dass das die Erklärung für alles ist."
"Siehst du, welch universelle Bedeutung der Delphin hat? Für die einen ist er eine Art Retter, ein Erlöser, für die anderen ein Schutzengel."
"Für mich zählt nur eins: Ma", sagte Tom im Brustton der Überzeugung. "Ich kann es noch kaum glauben, dass sie freigelassen werden soll. Das ist zu schön, um wahr zu sein. Es ging alles so schnell."
"Wenn alle Tropfen zusammenfließen, bildet sich eine Flutwelle, die nichts und niemand aufhalten kann."
"Jedenfalls bin ich jetzt sicher, dass sie nicht sterben wird, denn sie weiß, dass sie zu ihrer Familie zurück kann." Toms Freude war ansteckend.
"Nicht zuletzt hast auch du dazu beigetragen, du kleiner Tropf," sagte Gris zärtlich.
"Ich? Aber ich habe doch gar nichts gemacht. Es war das Werk der Delphine. Es war ihr Tanz, der alles ins Rollen gebracht hat."
"Es ist eine Spirale ohne Anfang und ohne Ende", sagte Gris. (...)
Mit einem verschmitzten Lächeln rief Tom: "Manchmal frage ich mich, ob das Ganze nicht von Anfang an von den Delphinen so geplant war."
"Willst du damit sagen, dass die Delphine längst unter uns sind?" fragte Gris mit einem Augenzwinkern. (...) "Hast du dir noch nie vorgestellt, du könntest den Lauf der Dinge allein mit der Kraft deiner Gedanken beeinflussen?" fragte Gris. (...)
"Na klar!" erwiderte Tom forsch. "Fast alle Science-fiction-Helden können das. Aber bei mir funktioniert das nicht."
"Oder es funktioniert, ohne dass du es merkst." Gris lächelte, den Blick auf das Blau des Himmels gerichtet.
"Aber ich sage Ihnen doch, mir fehlt die Begabung dazu", beharrte Tom.
"Die Begabung ist das Leben. Wir alle haben sie. Ob wir wollen oder nicht, unsere Gedanken, unser Tun und unser Handeln beeinflussen den Gang der Dinge. Heißt es nicht, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings Tausende Kilometer entfernt einen Wirbelsturm auslösen kann?"
"Aber ich, wie soll ich als einzelner hier in meinem Eckchen irgendwas bewirken?" fragte Tom immer noch ungläubig.
"Glaubst du nicht, dass du neulich, als du an meine Tür geklopft hast, eine Menge Dinge in Gang gesetzt hast? Siehst du, welch gewaltige Wellen eine einfache Geste auslösen kann? Selbst der Eremit hat trotz seiner völligen Einsamkeit in den Bergen Anteil am Lauf der Weltgeschichte. Alle Lebewesen, klein oder groß, gestalten das Schicksal der Gesamtheit." (...) "Wenn wir mit allem , was lebt, in Schwingung treten könnten", fuhr Gris fort, "könnten wir vielleicht alle gleichzeitig in eine gemeinsame Tanzbewegung fallen, so wie es die Delphine in der Nacht der Sonnenwende gemacht haben."
"Aber was würde danach geschehen?" fragte Tom.
"Das wird man sehen. Vielleicht werden wir allein mit der Kraft des Geistes zu anderen Sternen reisen können."
Tom schaute zum Himmel und rief: "Schauen Sie! Das sieht aus wie ein Schwertwal!"
Zwei ineinandergreifende Wolken zogen über den Himmel. Eine war weiß, die andere dunkel. Tom strahlte, als wäre Ma bereits frei und würde über den Himmel springen. Die beiden Wolken verschmolzen zu einer großen grauen, unförmigen Masse, die einen dunklen Schatten über die Bucht warf. Mit Wasser gesättigt, platzte sie und ergoß sich über das Meer wie ein seidener Vorhang, in dessen Falten sich die Strahlen der untergehenden Sonne brachen. (...)Wenn Wasser und Licht sich mengen... Aus dem Schoß der fruchtbaren Wolke entsprang ein Regenbogen. Im hohen Bogen sandte er sein Licht über den leeren Raum auf Tom und Monsieur Gris herab. (...) Die Wellen des Lichtbogens pulsierten in ihren Körpern. Schwarz, Orange, Rot, Gelb, Grün, Blau, Weiß. Die Farben flossen in ätherischen Kaskaden zusammen, die sie in ihrem tiefsten Inneren erleuchteten.
Gris hob die Hände zum Himmel und stieß einen Schrei der Befreiung aus. Endlich fühlte er sich eins: Eins mit der Erde, dem Meer und dem Himmel, dem gesamten Universum, eins mit dem Leben.
(aus: "Die Nacht der Delphine" von Hugo Verlomme)