Georg Keppler

Von meinen Hörnern und Flügeln

Ich bin als ein hoffnungsvoller Idealist auf die Welt gekommen und bin es auch heute noch. Weniger idealistisch vielleicht, aber dafür mehr hoffnungsvoll. Zu meinem 23. Geburtstag habe ich u.a. alle meine ex-Freundinnen eingeladen. Die Feier fand bei meiner damaligen Freundin statt. Heute verstehe ich, dass viele diesen Ort als unglückliche Wahl betrachten. Damals verstand ich es nicht. Selbst nach der eher unharmonisch verlaufenden Feier und der darauf folgenden Launetrübung zwischen mir und meiner Freundin war ich immer noch der Meinung, so was müsste eigentlich funktionieren. Ich bin heute noch der Meinung, dass es funktionieren kann - das "müsste" habe ich mir inzwischen abgeschminkt.

Trotz meiner Hoffnungen gibt es die eine Wahrheit leider nicht. Ich habe sie lange und ausführlich gesucht - bei meinen Eltern, bei meinen Lehrern, bei meinen Freunden, bei meinem Guru, beim lieben Gott und letztendlich bei mir. Wahrheit ist weder göttlich, noch staatlich. Und statisch ist sie erst recht nicht. Sie ist weder freundlich, noch lehrreich und auch nicht Eltern- oder Guru-gegeben. Wahrheit ist etwas Persönliches. Sie ist so unauffällig persönlich, dass jemand wie ich mit der Erwartung ins Leben geht, andere Menschen würden sich gemäß meiner(!) Wahrheit verhalten. Das ist natürlich ein Witz, und doch war es für mich keiner.

Außerdem stellte ich mir vor andere würden von mir erwarten, dass ich mich gemäß meiner Wahrheit verhalte. Auch das hat sich dann im Laufe meines Lebens als Illusion herausgestellt. Andere Menschen verhalten sich natürlich entsprechend ihrer eignenen Wahrheit und erwarten von mir, dass ich mich gemäß ihrer Wahrheit verhalten. Da mach' ich selbstverständlich nur begrenzt mit, und deshalb reibt sich meine persönliche Wahrheit mit und an den persönlichen Wahrheiten von anderen. Also brauchen wir - unabhängig davon, wer gerade recht haben könnte - eine Art gemeinsame Wahrheit, auf deren Basis wir zusammen leben können und der wir unsere individuellen Wahrheiten unterordnen.

Alle drei Säulen unserer Demokratie sind damit beschäftigt, eine gemeinsame Wahrheit durchzusetzen.
  • Die Legislative macht Gesetze, um die Wahrheit unpersönlich zu machen.
  • Die Judikative regelt die Streitigkeiten, die trotzdem enstehen, weil sich persönlichen Wahrheit aneinander reiben.
  • Und die Exekutive setzt diese Regelungen durch - falls notwendig mit Gewalt und gegen den gemeinsamen Widerstand der persönlichen Wahrheiten.

    Mich wundert es nicht, dass ich in meinem Innern erst mal "Streben nach Wahrheit" mit "um die Wahrheit kämpfen müssen" gleichgesetzt habe. Kam sozusagen in den Genen oder zumindest mit der Muttermilch und den Generation-übergreifenden Gewohnheiten. Tja, man könnte unsere Demokratie sogar als fortgeschrittene Verwaltungsform unseres kollektiven inneren Unfriedens bezeichnen. Und sie wäre trotzdem fortschrittlich im Vergleich mit anderen gegenwärtigen Staatsformen wie Diktatur und Monarchie, aus denen sie sich entwickelt hat. Wie dem auch sei, mein Beitrag zum Frieden auf Erden ist mein eigener innerer Frieden oder seine Abwesenheit.

    Wie entsteht denn überhaupt Übereinstimmung? Bei mir ist es durch Reibung von meiner persönlichen Wahrheit an den persönlichen Wahrheiten von anderen. Sie erodieren sich gegenseitig zu funktionsfähigen Kompromissen, die neu ausgehandelt werden müssen, sobald sich die Umstände ändern. Und das tun sie ständig. Man(n) und Frau spricht von Ecken abschleifen. Konflikte vermeiden, obwohl ich das gern tue, ist keine Lösung. Konflikte suchen oder erzeugen, was ich ungern tue, auch nicht.

    Kann ich meine Wahrheit so ausdrücken, dass ich mir gerecht werde, ohne andere zu verletzen? Kann ich deine Wahrheit hören und dabei den Respekt vor dir und vor mir bewahren? Manchmal ja und manchmal nein. Wenn ich meine Hörner auf habe, kann ich es nicht, und wenn ich meine Flügel trage, dann geht es. Und manchmal geschieht es, dass aus meinen Flügeln plötzlich Hörner werden und umgekehrt. Egal, wie kontrovers es sich anhört - es bleibt Tatsache. Und das, wo ich doch mein ganzes Leben versucht habe, gut zu sein (schluchz!).

    Ganz oder heil werden bedeutet, mein Licht auf mein Dunkles zu richten. Dann kann ich auf meine Hörner und meine Flügel schauen, ohne sie größer oder kleiner zu machen, als sie wirklich sind. Nicht, dass das ihr wirkliche Größe beeinflussen würde. Sie sind etwa gleich groß und schrumpfen zusammen, wenn ich auf dem Weg zum heil werden einen Schritt tue. Und sobald ich einen Umweg einschlage, dann wachsen sie ein bisschen - zusammen! Ich nenne das mein ANGVIL-Projekt. ANGVIL bedeutet ANGel plus deVIL (hört sich halt besser an als ENGfel oder teuEL), weil ich eben sowohl Hörner wie auch Flügel habe.

    Nur widerstrebend bin ich zu der Ansicht gelangt, dass Gott in mir ist - und natürlich auch in dir (noch widerstrebender). Das läuft für einen Intellektuellen wie mich auf Schöpfungsmitverantwortung hinaus, und für die nicht-Intellektuellen auf Liebe. Herzlichen Glückwunsch, falls du zur zweiten Gruppe gehörst.

    Für mich und andere Intellektuelle eine rhethörichte Frage: Man sagt dass das Einzige was Gott nicht kann ist, seine Schöpfung nicht zu lieben. Wenn Gott in meinem Innern die größte Kraft ist, wie kann ich da dich nicht lieben? Trauriger- und ehrlicherweise kann ich es doch. Ich kann mich ja oft nicht mal selber lieben. Denn mein Inneres ist noch nicht heil, noch nicht ganz. Es ist ein Werden, Schrittchen für Schrittchen mit gelegentlichen Umwegen die unnötig aussehen, es aber nicht sind (sonst würd' ich sie nicht machen). Mit dem ANGVIL-Projekt (mein Licht auf mein Dunkles zu richten) bin ich auf dem Weg, wieder heil zu werden, selbst wenn daraus ein weiterer Umweg werden sollte. Alle meine ex-Freundinen zum Geburtstag bei meiner jetzigen Partnerin einzuladen, kommt allerdings nicht mehr in Frage. Die Entfernungen sind viel zu groß geworden!
    Georg Keppler

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