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Ein Chamäleon Bekennt Farbe

Interdimensionale Autobiographie - Teil 2

Chamäleon Teil 2

  • Vorwort aus Teil 1
  • Der Exot
  • Eigenverantwortung
  • Der Esoteriker
  • Der Froschkönig
  • Ausstiegshilfe

    zum Teil 1
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  • Es handelt sich hier um biographische Fragmente, die mir ein sehr guter Freund, die "Johannes" getaufte Hauptfigur, zur Verfügung gestellt hat. Als ich das Material Anfang 2006 zum ersten Mal in die Hände bekam, war ich sehr gefangen. Denn mein eigenes (bisheriges) Leben war sehr ähnlich verlaufen.

    Das Material ist teilweise "am Stück", teilweise in Stücken. Beim Teil 1, dem Umgekehrten Chamäleon sind es grosse Textstücke in Tagebuchform mit überwiegend chronologischem Verlauf ohne die Reihenfolge zu ändern. Sowohl diese Vorgehensweise als auch die Struktur der Textstücke spiegeln sehr gut Merkmale der "alten" Energie, wie 3-Dimensionalität und die lineare Zeitachse.

    Im hier folgenden Teil 2 "Ein Chamäleon Bekennt Farbe" sind es um ungeordnete Fragmente. Zum Festlegen der Reihenfolge stand und steht mir nur mein eigenes Gutdünken zur Verfügung. Chronologie hat dabei - wie auch in den Fragmenten selber - keine so grosse Rolle gespielt. Insofern spiegelt der Text selbst und die Reihenfolge der Fragmente gut das Wirken der "Neuen" Energie wieder, in denen sich die starren Strukturen von Zeit und 3-Dimensionalität langsam aber sicher auflösen. Buch 2 ist unvollständig.

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    Vorwort aus Teil 1

    Ich erzähle ihnen hier die Geschichte des merkwürdigsten Menschen, den ich kenne. Obwohl wir seit frühester Kindheit Spielkameraden waren, mehr oder weniger zusammen aufwuchsen und sich unsere Lebenswege immer wieder kreuzten, blieb mir Johannes immer ein wenig fremd. Er tauchte wiederholt unter mysteriösen Umständen in meinem Leben auf - zum ersten Mal im Sandkasten - nur um bald darauf wieder zu verschwinden.

    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:P_culture.svg Ich erzähle seine Geschichte nicht mit der Absicht, sein Leben biographisch zu dokumentieren. Dazu reicht weder das mir von ihm überlassene Material, noch unsere Erinnerungen, noch mein biographischer Forscherdrang. Ich habe nicht die Absicht, mich an die Schauplätze seines Lebens zu begeben oder in den Gedächtnissen seiner Verwandten und Bekannten nach Schnipseln zu suchen, die sich dann doch nicht verifizieren lassen.

    Es liegt mir fern, mich mit ihm zu identifizieren oder gar zu versuchen, seine Erfahrungen nachzuempfinden. Was mich aber brennend interessiert, sind die Konsequenzen, die Johannes aus seinem bunten Leben gezogen hat oder ziehen sollte. Ich verspüre einen geradezu unnatürlichen, zwanghaften Drang, in seine jetzigen Schuhe zu schlüpfen, die er bei seinem letzten Verschwinden zurück liess. Ein treffenderes Wort wäre wohl Besessenheit, und sie wird umso schlimmer, je mehr ich in seinem zurückgelassenen Material wühle.

    Normalerweise hätte ich die Kiste einfach unbesehen irgendwo auf den Speicher gestellt, bis sie der Eigentümer zurückverlangt. Obwohl ich neugierig bin, überwiegt meistens mein Respekt für die Privatsphäre. Da aber Johannes auf seinen zahlreichen Durchreisen immer wieder für kurze Perioden bei mir wohnte, wurde ich sozusagen unfreiwilliger Zeuge seiner Wandlungen. Bei jedem erneuten Auftauchen schien es ein anderer, fremder Johannes zu sein, der da zur Tür hereintrat. Doch nach ein bis zwei Tagen hatten unserer Gespräche die neu entstandene Lücke stets überbrückt und ich konnte wieder die Kontinuität in seiner Entwicklung sehen.

    Er blieb mir ein Rätsel, das sich immer wieder löste. Mal tauchte er mit Jeans, Jesuslatschen, langen Haaren und einem Bart bis zum Bauchnabel auf, dann wieder kurz geschoren im massgeschneiderten Anzug. Aus seinem Rucksack habe ich ein Notebook auftauchen sehen, während er bei anderer Gelegenheit seinem Delsey Koffer zerfetzte Bücher und durchgewetzte T-shirts entnahm. Er war einer der ersten Männer mit einem Ohrring, der aber verschwand bevor Piercing zur Mode wurde. Zur Taufe seines Neffen, er war Patenonkel, erschien er mit Glatze, Ohrring, Zimmermannshose und Wildlederjacke. In letzter Minute kommend, das Patenkind auf einem Kissen tragend schritt er durch den Mittelgang der Kirche und genoss jeden einzelnen der zu beiden Seiten herunterklappenden verwandschaftlichen Unterkiefer.

    Mengenmässig liess Johannes nicht allzuviel zurück, und das wenige fast ausschliesslich in Englisch: drei Manuale, die er als Yogalehrer erstellt und benutzt hatte und einen Stapel Bücher seines Lehrers. Dann sind da noch ein paar Tagebücher, die jedoch so unregelmässig geführt sind, dass man daran verzweifeln könnte. Weder gibt es regelmässige Datierungen, noch kann man sich auf den chronologischen Verlauf verlassen. Johannes hatte anscheinend immer viel Platz gelassen, um später Ergänzungen und Kommentare hinzufügen zu können. Er benutzte dazu Stifte in verschiedenen Farben, zweifellos mit einer systematischen Absicht, der ich jedoch bis jetzt nicht auf die Spur kam. Zwischen den Seiten stecken hier und dort Briefe von Absendern, die sich nicht mehr ermitteln lassen. Trotzdem können die Briefe eindeutig bestimmten, in den Tagebüchern erwähnten Personen zugeordnet werden. Dadurch ergibt sich mit Hilfe der Poststempel ein schemenhaftes, in Raum und Zeit lose verankertes Bild.

    Man darf also die Personen, Daten und anderen Fakten in dieser Geschichte nicht zu ernst nehmen. Die Aufzeichnungen wimmeln von Abkürzungen, Akronymen, Symbolen, Klammern und sind mit Fussnoten gespickt. Johannes entwickelte eine Art Kurzschrift, die sich jedoch ständig ändert. Im übrigen sind viele der Tagebucheintragungen Aphorismen und Gedichtfetzen, die ihm vermutlich seine jeweilige Stimmung besser und kürzer auszudrücken schienen, als er es mit seinen eigenen, etwas umständlichen Worten hätte tun können. Johannes, obwohl er sich sprachlich sehr lebhaft ausdrücken konnte, hat anscheinend nie etwas einfach so hingeschrieben. Spontanität ist keine Qualität seiner Aufzeichnungen. Selbst die Tagebucheintragungen unmittelbar nach einem aufwühlenden Erlebnis haben immer etwas reflektiertes, daher auch endgültiges.

    Ich habe schon immer gerne gepuzzelt, und dabei auch Motive von vielen Tausend Einzelteilen nicht gescheut. Doch ob ich jemals in der Lage sein werde, das Puzzle Johannes zu vervollständigen, muss ich bezweifeln, denn es fehlen über 50% der Teile. Trotzdem sind die sich ergebenen fragmenthaften Bilder so interessant, dass ich es nicht lassen kann weiterzupuzzeln. Dem Leser kann so eine mottenzerfressene Lebensgeschichte natürlich nicht zugemutet werden.

    Ich habe also die bestehenden Lücken "stetig" ergänzt und mich dabei bemüht, sowohl die Logik wie auch die Ästhetik nicht zu kurz kommen zu lassen. Dichtung und Wahrheit waren schon in den Aufzeichnungen von Johannes untrennbar miteinander vermischt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher rein zufällig. Historische Genauigkeit scheint Johannes nicht sonderlich zu interessieren, wohl aber geschichtlicher Verlauf. Irgendwo in Paris trieb er Schulgeschichtsbücher verschiedener Nationen für die gleiche Altersstufe auf, eins aus der DDR, ein französiches und ein englisches. Durch den Vergleich, über das Thema hatte er in der Schule ein Referat halten müssen, verlor er die letzten Überreste seines Glaubens an eine objektive Geschichtsschreibung.

    Als er mich darum bat, die Kiste mit seinen Sachen aufzuheben, fragte ich nach dem Inhalt. Es seien Aufzeichnungen seiner Erlebnisse, sagte er, und ich könne ruhig hineinschauen, das mache ihm nichts aus. Auf die Frage, warum kein einziges Foto dabei sei, erwiderte er, er habe sie alle verbrannt, zusammen mit den bis dahin gemachten Tagebuchaufzeichnungen und Briefen. Das muss so um 1986 gewesen sein, vermutlich auf der Durchreise von den USA nach Indien. Das folgende Tagebuch enthält aber offensichtlich Auszüge aus den Verbrannten. Unter anderem schrieb er (wie immer ohne Datum):

    "Heute habe ich in meinem alten Tagebuch gelesen. Ich bin überrascht. Meine Erinnerungen an die beschriebenen Situationen sind noch ganz bildhaft. Trotzdem würde ich das meiste so nie wieder hinschrieben. Es klingt falsch - oder sollte ich besser fremd sagen. Dass man sich so ändern kann. Dabei sind es doch ein und die selben Erlebnisse, die mich die Worte in mein altes Tagebuch schreiben liessen, und deren Erinnerung in meinem Gedächtnis jetzt im Widerspruch zu den damals geschriebenen Worten stehen. Die Erlebnisse können sich ja nicht geändert haben, also muss ich selbst es sein, mein Denken, das sich geändert hat. Dabei schrieb ich damals in der Absicht, "objektive" Aufzeichnungen des Geschehenen für die Zukunft zu konservieren. Jetzt kommen mir manche der Aufzeichnungen sogar abstossend vor, und ich möchte mich am liebsten davon befreien, verhindern, dass die alten Denkmuster mich je wieder beeinflussen. Na ja, ein paar nette Sachen sind auch dabei, alledings fast alles Zitate. Vielleicht sollte ich diese kopieren und den Rest verbrennen."

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    Der Exot

    Als ich Johannes zum ersten Mal nach seiner Rückkehr nach Deutschland traf, sah er völlig fehl am Platz aus, ein unglücklicher Exot im Exil, dessen einstmals schillerndes und nun verblasstes Gefieder weder aus der Umgebung hervorstach, noch sich darin einfügte. Wenn sie ihn heute treffen würden, sieht er auf den ersten Blick ganz normal aus. Falls er sie mag, bröckelt spätestens nach einer halben Stunde diese Fassade. Johannes ist definitiv nicht normal. Manchmal scheint er es darauf anzulegen, sein Gegenüber zu schockieren, und sei es nur, um jedem die Möglichkeit zu geben, ihn als Spinner abzutun. Darauf angesprochen, antwortete mir Johannes:

    "Ich weiss ja nicht einmal mit Sicherheit, was gut oder schlecht für mich ist. Wie soll ich es da bei jemand anderem wissen. Wenn ich also einen Plan habe, vor allem wenn er andere mitbetrifft, versuche ich der Natur immer eine Gelegenheit zu geben, mir in die Suppe zu spucken. Wenn ich einen Plan mache, dann bedeutet das ja so viel wie mein Wille geschehe!. Wenn ich keinen Plan mache, dann bedeutet es DEIN Wille geschehe!. Und worum es wirklich geht, ist um eine Art Mittelwert."

    Umgelegt auf das Schockieren seines Gegenübers heisst das, dass Johannes - weil er nicht weiss, ob sein Einfluss auf jemanden gut oder schlecht ist - jedem die Gelegenheit bieten möchte, seinem Einfluss zu entgehen.

    Wenn sie das für abgefahren halten, dann kommt es jetzt noch dicker. Johannes hat weder eine Kranken-, noch Renten-, noch sonstige Versicherung. Wenn ein Gespräch dieses Thema berührt, kommt von ihm meist eine scharfkantige Perle wie:

    "Gesundheit ist kein Zustand, sondern eine ständige Bemühung um Balance in Form von Aufmerksamkeit, das heisst Zeit und Geld. Du kannst dir aussuchen, ob dir dein Körper diese Zeit im Wartezimmer und bei Krankenhaus-Aufenthalten abringt, oder ob du sie freiwillig darin investierst, Wartezimmer und Krankenhäuser zu vermeiden. Das gleiche gilt für Geld. Du kannst damit entweder ärztliche Rechnungen begleichen oder das Geld vorsorglich zu ihrer Vermeidung einsetzen."

    Als ich Johannes fragte, was er im Falle eines Unfalles tun würde, bekam ich folgende Antwort.

    "Weißt du," sagte er "wenn ich jemals in ein Krankenhaus muss, dann ist es für mich und meine Gesundheit am besten, wenn sie mich so wenig wie möglich behandeln und so schnell wie möglich entlassen. Der einzige Garant für minimale Versorgung und schnelle Entlassung ist, dass ich nicht versichert bin."

    Dann wollte ich wissen, was er denn mache, wenn er einmal ernsthaft krank würde. Er erzählte mir daraufhin von seiner Malaria, die er sich Anfang der neunziger Jahre in Indien eingefangen hatte. Da ihn der Appetit verliess, hörte er auf zu essen, bzw. ass nur noch, wenn er Appetit hatte, und dann nur das, worauf er Appetit hatte und solange er Appetit hatte, mal ein Stück einer Orange, mal ein halbes Glas Milch. Sonst lag er die meiste Zeit, deckte sich während der Schüttelfrostperioden zu und kühlte sich bei Fieberschüben mit Wasser. Das ging so über vier Wochen. Johannes:

    "Am Anfang der vierten Woche bemerkte ich, wie mein Kurzzeitgedächtnis nachliess. Bei langen Sätzen konnte ich mich nach der ersten Hälfte des Satzes nicht mehr an den Anfang erinnern. Ich sprach deshalb nur noch in kurzen Sätzen. Keiner hat etwas bemerkt. Einige Tage darauf bekam ich wieder richtigen Hunger, zuerst auf saftige Früchte. Die Gedächtnisschwäche verschwand innerhalb einer halben Stunde nach den ersten Früchten. Ich habe nie wieder eine Malaria-Attacke gehabt."

    "Gut, das war eine akute Krankheit. Was wäre, wenn du chronisch krank würdest?" fragte ich darauf Johannes.

    "Ich hatte mit 30 Jahren Diabetes. Als Hochleistungssportler habe ich gegessen wie ein Scheunendrescher. Ich habe dann mit 27 Jahren von einem Tag zum anderen mit dem Sport aufgehört, aber trotzdem so weitergegessen wie vorher. Na ja, drei Jahre später, ich war damals in Singapore, stiess ich beim Laufen mit den Fussknöcheln mehrfach gegeneinander. Die sich ergebenden Schürfwunden schlossen sich nicht. Ich stellte auch fest, dass ich öfter sehr grossen Durst hatte, der auch durch grosse Mengen Wasser nicht zu löschen war, und ausserdem musste ich nachts ständig raus, der Urin war farblos. Diese Symptome und weitere, die mir noch nicht aufgefallen waren, fand ich alle in einem medizinischen Werk unter Diabetes beschrieben.

    Ich beschäftigte mich damals sehr mit Ayurveda, wo Diabetes als ein Leberproblem gesehen wird. Dort heisst es, solange die Leber nicht schwach wird, kann die Pankreas nicht schwach werden. Nach 9 Monaten konsequenter Einnahme einer bitteren Kräutermischung und einer Ernährungsumstellung waren die Symptome weg. Ich kann jetzt wieder Schokolade essen."


    Ich habe nicht erlebt, dass Johannes durch medizinische Fragen jemals in Erklärungsnot gekommen wäre.

    Das Rentenkonzept von Johannes ist noch etwas abgehobener. Nach seiner Ansicht macht er nämlich Einzahlungen. Aber das soll er selber erklären.

    "Meine Freundin Carmen hat mit oft vorgehalten, dass ich mich zu billig verkaufe, dass ich von den Leuten, denen ich helfe, nicht genug Geld nehme. Ich fühle da irgendwie anders. Nach dem kosmischen Gesetz von Aktion und Reaktion wird sich jede gute Tat von mir eines Tages auf mich gut auswirken. Ich versuche also Leuten zu helfen, und wenn sie mir das nicht sofort vergelten, dann weiss ich, dass mir das kosmisch gut geschrieben wird. Wenn ich dann eines Tages in Not bin, dann wird mir jemand helfen, zumindest die Natur. Auf der anderen Seite muss ich zugeben, dass Carmen schon recht hatte."

    Und dann kommt die Geschichte von den Zecken. Johannes wurde schon immer gerne von blutsaugenden Insekten frequentiert. Sie fühlten sich bei ihm so richtig wohl. Wenn ein Hund ihn streifte, dann sprang die Hälfte der Flöhe auf ihn über. Wenn Johannes im Wald war, dann war sein erster Gang danach zur Waschmaschine, in die er sofort alle soeben getragene Bekleidung steckte, der zweite in die Dusche - wegen der Zecken. Sie fanden ihn genauso schmackhaft wie es die Flöhe taten. Nach langem hin und her mit Carmen, hatte sich Johannes schliesslich dazu durchgerungen, seine Preise zu verdoppeln - er lag damit noch immer deutlich unter dem Schnitt. Hier sein eigener Kommentar:

    "Und siehe da, von Stund an wurde ich nie wieder von Zecken oder Flöhen gebissen. Ich hatte niemals zuvor bemerkt, wie wichtig der Ausgleich von Geben und Nehmen auf das Leben, und insbesondere auf mein Leben ist. Von da an kam ich mit ganz anderen Menschen in Berührung. Zuvor hatte ich mit meiner Blutspendefreudigkeit häufig menschliche Zecken angezogen. Die blieben weg, und ich bemerkte immer häufiger, wie zufrieden Menschen waren, wenn sie mir etwas zurück geben konnten."

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    Eigenverantwortung

    Im Frühjahr 2005 machte Johannes eine Rückführungtherapie, in deren Verlauf er zwar keine Bilder sah, doch sehr stark mit Gefühlen auf die intuitive Führung seiner Therapeutin reagierte.

    Das betreffende Leben hatte im alten Ägypten zu einer Zeit stattgefunden, in der die Priesterschaft aus vollkommen unabhängigen weiblichen und männlichen Linien bestand, die jedoch ihre Arbeit koordinierten und, wo sinnvoll, auch kooperierten. Johannes war ein männlicher Priester mit der speziellen Aufgabe, die dazu notwendige Kommunikation aufrecht zu erhalten. Es gab in der weiblichen Linie eine entsprechende Priesterin. Im Verlauf dieser im Tempel der Priesterinnen stattfindenden Treffen, gestattete Johannes seine Verführung.

    Das Motiv ihrerseits war, die entstehende sexuelle Energie für ihre Arbeit zu benutzen, während Johannes in sie verliebt war. Er empfand die Beziehung als Widerspruch zu seiner Berufung und hatte stärkste Schuldgefühle. Obwohl Johannes jedesmal den festen Entschluß fasste, die Beziehung zu beenden, schmolz dieser Entschluss in ihrer Anwesenheit dahin. Er verlor seine Willenskraft vollständig und wurde zu ihrem Werkzeug. Die sexuelle Beziehung dauerte lange fort.

    Obwohl Johannes im Laufe der Zeit bemerkte, daß ihrerseits keine Rede von Verliebtheit sein konnte, entwickelte er komplette Hörigkeit. Als er (dadurch) für sie schliesslich energetisch uninteressant wurde, brachte sie Johannes auf grausame Weise um. Sie folterte ihn, um die letzten Reste von Lebenskraft aus ihm herauszupressen. Sie schnitt zum Schluss seine Hoden ab und hängte sie auf, während Johannes noch lebte.

    Die Therapeutin nahm war, daß die Priesterin in seinem jetzigen Leben als die Mutter von Johannes inkarnierte. Der Fokus ihrer Kommentare lag daher auf der grausamen, unmenschlichen Behandlung seitens der Priesterin, und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit, dass Johannes ihr / seiner Mutter vergeben solle.

    Seine eigenen Gefühle während der Sitzung waren sehr intensiv und sehr klar gewesen. Als die Priesterin ihn schliesslich umbrachte, fühlte Johannes Erleichterung und war fast glücklich, dass es endlich vorbei war. Das Gefühl der Schuld gegenüber seiner Bruderschaft von Priestern war überwältigend. Seine Vorstellung von der Grösse des durch sein inadäquates Verhalten entstandenen Schadens löschte seine körperlichen Schmerzen komplett aus. Da Johannes weder die Hoffnung noch das Selbstvertrauen gehabt hatte, die Situation aus eigener Kraft zu klären, freute er sich nur darauf, seinen Körper zu verlassen.

    Johannes nahm der Priesterin ihre Grausamkeiten nicht übel, sondern gab sich selbst die Schuld, weil er nicht die Kraft aufgebracht hatte, ihr zu widerstehen; und dafür, dass er nicht in der Lage gewesen war, diese faule Beziehung zu beenden. Johannes verurteilte sich selber so sehr, dass er sich fast gerecht bestraft fühlte. Denn trotz allem liebte er die Priesterin noch immer. Auch heute noch fühlt Johannes keine Notwendigkeit seiner Priesterin / Mutter irgendetwas zu vergeben, denn er hatte ihr niemals Schuld zugewiesen.

    Als Johannes diese Gefühle am Ende der Sitzung äusserte, ging seine Therapeutin nicht darauf ein. Er hatte damals den Eindruck, dass sie das Gefühl hegte, er beschütze seine Mutter.

    Die Motivation für die Therapie war bei Johannes aus den Schwierigkeiten erwachsen, die in der Beziehung zu seiner damaligen Lebenspartnerin bestanden. Zusammen mit seinen beiden vorhergehenden Freundinen war sie der Meinung, dass viele der gemeinsamen Beziehungsprobleme aus der Beziehung zwischen Johannes und seiner Mutter rührten. Als er ihr den Verlauf der Sitzung schilderte, meinte sie sanft aber bestimmt, dass er versuchen würde, seine Mutter zu schützen, und dass er sich weigere die Muster zu ändern, die aus seiner Beziehung mit seiner Mutter erwachsen seien, die gleichen Muster, die jetzt ihre Beziehung belasteten.

    Johannes erwähnte mehrfach, dass sowohl seine Therapeutin als auch seine Partnerin seine Gefühle respektierten und nicht versucht hatten, ihn von etwas Anderem zu überzeugen. Auf diesen Umstand führte er es zurück, dass er letzendlich die Rückführung im Laufe der Zeit so interpretieren konnte, wie es für sein gegenwärtiges Leben sinnvoll war.

    Einige Zeit nach der Sitzung entwickelte Johannes das Gefühl, das die ägyptische Priesterin eher die jetzige Inkarnation seiner Partnerin als seiner Mutter sei, vermutlich eine Reaktion auf das "Herüberlehnen" seiner Freundin. Doch dann begann er zu verstehen, dass die Priesterin keine einzelne bestimmte Frau in seinem Leben repräsentierte, sondern alle. Seine eigenen Gefühle während der Rückführung waren wie bereits erwähnt ausgesprochen klar gewesen.

    Johannes beschloss, endgültig seiner eigenen Wahrnehmung zu trauen, unabhängig davon, was andere sagten oder dachten. Darauf wurden ihm allmählich seine wichtigsten Muster klar, die er von Ägypten in seine heutige Existenz mit hinüber gebracht hatte. Nur weil Johannes sich selbst nicht wertschätzte, war es möglich, dass die Situation in Ägypten derartig unmenschlich und grausam wurde. Weil das symbiotische Vergnügen im Sex und darüber hinaus ihm mehr Wert gewesen war als seine eigenen Integrität, hatte Johannes sowohl jeden Selbstwert als auch seine Identität verloren. Auf der anderen Seite war ihm immer klar, wer verantwortlich war. Johannes hatte keinem anderen dafür die Schuld gegeben, dass er der Priesterin die Gelegenheit gab, sein Leben zu bestimmen. Sie nahm die Gelegenheit bis zur letzten Konsequenz war.

    Es war seine (selbstgewählte) Aufgabe in Ägypten gewesen, zu lernen, wie er unter widrigen Umständen Integrität und Selbstwert aufrecht erhalten konnte. Da Johannes es damals nicht lernte, begegnete er in diesem Leben ähnlichen Situationen. Er war wieder ein "Symbiose - Junkie", gab wieder seine Unabhängigkeit ab, indem er den Meinungen und Werten seiner Partnerinnen mehr Wert beimass als den eigenen.

    Es macht keinen Sinn (mehr) für Johannes, sich dafür selber zu bestrafen. Das hilft genauso wenig, wie jemand anderem die Schuld zu geben oder zu versuchen, ihn zu bestrafen. In diesem Leben hatte Johannes solche Situationen bisher durch Weglaufen "gelöst". Im Vergleich zu Ägypten ist das ein Fortschritt. Damals musste er sich umbringen lassen, heute schaffte er es zu überleben.

    Die Lektion ist trotzdem noch dieselbe. In den vergangenen drei Jahren war Johannes damit beschäftigt, nach Beziehungsmustern zu graben, die andere in ihm hatten sehen wollen. Das hatte ihn und seine Partnerinnen davon abgehalten, die wirkliche Herausforderung zu akzeptieren: sich im Jetzt gegenüberzutreten ohne angstvoll Vergangenes oder hoffnungsvoll Zukünftiges.

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    Der Esoteriker

    Im zweiten Jahr nach seiner Rückkehr aus Asien ging Johannes in die Bibliothek, um sich eine Fotokopie mit dem Himmelsausschnitt um die Plejaden zu besorgen. Er wollte eine Information überprüfen, nach der eine solche Fotokopie unter elektrische Geräte gelegt, diese wirkungsvoll elektrisch entstöre. Mit Hilfe der Sternenkarte suchte er die Plejaden auch am Nachthimmel und fand sie prompt. Es war das Sternbild, das auf ihn von klein auf eine magische Anziehungskraft ausgeübt hatte.

    Wann immer es am Nachthimmel stand und er sich im Freien befand, fiel sein Auge sofort darauf, egal ob er sich gerade in Europa, Afrika, Amerika oder Asien befand, und ohne sich am benachbarten Orion orientieren zu müssen. Allerdings war er bis zu diesem Tag der Ansicht gewesen, es handele sich um den Kleinen Wagen, und sein Vater habe ihn einmal für ihn als solchen am Nachthimmel identifiziert.

    Nun hinterfragte er seine Erinnerung. Die Plejaden sind im Vergleich zum Kleinen Wagen eine kleine, schwer zu findende Konstellation, und befinden sich in einer ganz anderen Himmelsecke. Und doch würde "sehr kleiner Wagen" das Aussehen der Plejaden durchaus treffend charakterisieren. Johannes ist der Ansicht, sein Vater habe ihm tatsächlich den kleinen Wagen gezeigt. Er ist weiterhin der Ansicht, dass seine fast mystische Verbindung mit den Plejaden dafür verantwortlich ist, dass sich in seinem Kopf der Name "Kleiner Wagen" mit dem verband, auf das sein Auge automatisch fiel. Johannes fragte sich nun auch, warum sein Auge automatisch auf die Plejaden fällt, wie sonst auf keine andere Sternenkonstellation. Den Nordpolarstern muss er z.B. immer erst suchen.

    Die esoterische Literatur über Plejadier, Arkturier, Sirianer, etc. war ihm damals noch fremd. Eine ähnliche Anziehung kannte er nur von Sonne und Mond. Die Effekte ihrer kombinierten Schwerkraftschwankungen auf menschliche Gefühle hatte er jahrelang beobachtet und regelrecht kartiert. Zum Sinn der Astrologie, sagte Johannes:

    "Als ich ungefähr 27 war und bei meinen sterbenden Vater wohnte, konnte ich manchmal nachts nicht schlafen. Ich pflegte zu lesen, manchmal die ganze Nacht durch. In einer dieser Nächte trat ich zufällig ans Fenster und blickte direkt in den vollen Mond. In der nächsten schlaflosen Nacht passierte das gleiche. Seitdem habe ich keinen Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Astrologie."

    Johannes begann die Einflüsse des Mondes auf sein Gefühlsleben und das seiner Umwelt zu studieren. Doch diese Einflüsse, die sich physisch in der Schwerkraftwirkung auf die Meere durch Ebbe und Flut manifestieren - und der Mensch besteht zu über 70% aus Wasser, beim Schädelinhalt ist der Wassergehalt deutlich höher - fühlten sich ganz anders als seine plejadische Verbindung an.

    Von nun an liess ihn das Stichwort "Plejaden" immer hellhörig werden. Viele der gelesenen Informationen lösten eine gewisse Resonanz in ihm aus, aber für astrale Reisen war er viel zu gut geerdet. Einmal, während eines Seminares änderte sich seine optische Wahrnehmung. Er nahm auf einmal gewisse Ähnlichkeiten in den Gesichtern von einigen der Anwesenden, die sich nach blutsverwandschaftlichen Masstäben nicht ähnlich sahen.

    Gleichzeitig entwickelte sich ein Gefühl extremer Verbundenheit mit diesen Menschen, eine Art Erkennen von Gemeinsamkeiten, die alle von ihnen, Johannes eingeschlossen, in dieses Leben mitgebracht hatten. Das Gefühl blieb, auch nachdem die Vision abgeklungen war, ein bleibendes unsichtbares Band. Ob diese gefühlten Gemeinsamkeiten nun plejadischen Ursprungs waren oder nicht, interessierte Johannes immer weniger. Es war nicht wichtig, jedenfalls nicht so wichtig wie das Gefühl der gemeinsamen Herkunft. Johannes:

    "Ich habe es aufgegeben, Dinge unbedingt verstehen zu wollen. Hauptsache eine Sache funktioniert. Ich werde sie anwenden, solange sie funktioniert, unabhängig davon, ob ich sie verstehe oder nicht. Wenn dann im Laufe der Zeit Verständnis dazukommt, ist das ein Zubrot, das ich sehr schätze."

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    Der Froschkönig

    Gegen Ende der neunziger Jahre wurde Johannes alias Djagannathananda, aus Vietnam nach Vladivostok versetzt. Er hatte in Vietnam den bisherigen Höhepunkt seine Yogalehrerkarriere erlebt und trauerte diesem Erlebnis zunächst nach. Doch der ferne Osten der Sowjetunion und die Menschen dort hatten ihren eigenen Charme, besonders wenn sie sangen.

    Im folgenden Winter machte er mit zwei Übersetzern eine dreimonatige Tour durch Sibirien. Im Winter hatten alle viel Zeit und seine Yogaklassen, Seminare und andere Veranstaltungen waren von früh morgens bis Mitternacht voll von Menschen, die nach Spiritualität lechzten und nach allem hungerten, was er zu lehren hatte. Ob Arseniev, Ulan Ude, Pavlodar oder Barnaul, es war überall das Gleiche, und Johannes ging in seinen Tätigkeiten auf. Nach vier Monaten war sein Visum samt Verlängerung abgelaufen und er musste ausreisen. Zu seinem Entsetzen wurden erneute Visa-Anträge in drei verschiedenen Botschaften abgelehnt, und er musste in Taiwan "parken".

    Auch dort verstand sich Johannes prächtig mit den Menschen, besonders mit denen, die für ihn übersetzten. Trotz oder vielleicht gerade wegen der grundsätzlichen Verschiedenheiten von chinesischen und westlichen Sprachen - Chinesisch ist eine sehr bildhafte Sprache, und entsprechend unterschiedlich ist auch das darunter liegende Denken - bildete sich eine geistige Verbindung, ein wortloses Verstehen mit dreien seiner Übersetzer, einem Mann und zwei Frauen.

    Um die Zeit des Wartens zu nutzen, Johannes hatte die Hoffnung auf ein neues Russland-Visum noch nicht aufgegeben, beschloss er, ein neues Handbuch für seinen Yoga-Unterricht zu erstellen. Der dafür notwendige Computer befand sich in der Publikationsabteilung, die von einer seiner Übersetzerinnen gemanagt wurde. Die beiden arbeiteten für viele Wochen täglich im gleichen Raum nebeneinander. Aus dem durch Übersetzung entstandenen wortlosen Verstehen wuchsen weitere Anziehungskräfte.

    Die Frau, Johannes zukünftige Ehefrau, war mit einem anderen Organisationsmitglied verheiratet. Eines Tages verfiel sie in eine dauerhafte Depression. Auf Johannes′ behutsames aber beharrliches Nachfragen, erzählte Su, so war ihr Name, dass ihre Periode ausgeblieben sei, und das ihr davor graue mit ihrem Mann das gemeinsame Kind aufzuziehen. Das Verhältnis zwischen Johannes und Su war zu diesem Zeitpunkt noch rein platonisch.

    Was nun folgte, ähnelt einem alten Märchen. Der Froschmönch Johannes bot sich ritterlich an, die in den Brunnen gefallene Kugel der bitterlich weinenden Prinzessin wieder hoch zuholen. Das heisst Johannes schlug vor, das Kind gemeinsam aufzuziehen, er und sie. Der belohnende Kuss verwandelte den Mönch zurück in einen normalen Menschen, und ...

    Hier erfährt das Märchen eine radikale Modernisierung: Die Schwangerschaft stellte sich im ärztlichen Test als übersprungener Eisprung heraus. Da jedoch das Verhältnis zwischen Prinzessin und Frosch inzwischen nicht mehr rein platonisch war, eine Nachwirkung des belohnenden Kusses (Johannes bezeichnete das später als sein Paulus - Saulus Erlebnis), entschieden sie sich trotzdem, heimlich zusammen wegzulaufen. Das geschah für alle anderen völlig überraschend kurz nach Mitternacht.

    Mit den Flitterwochen warteten sie weder bis zur Hochzeit, noch bis zur Scheidung von Su. Ihr ursprüngliches Vorhaben, in China Fuss zu fassen und dort eine Existenz aufzubauen, stellte sich nach drei Monaten als völlig irrealistisch heraus. Als sie gerade noch genug Geld für ein Flugticket nach Deutschland hatten, beschlossen sie, dass Johannes vorausfliegen solle, und Su so bald wie möglich nachkommen würde.

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    Ausstiegshilfe

    Der Guru von Johannes, Baba, war 1990 gestorben. Johannes empfand selbst keine Trauer, sondern das gleiche Gefühl von triumphierender Freude für den Hinübergegangenen, das er schon anlässlich des Todes seiner Mutter geheim gehalten hatte. Trotzdem teilte er zu seinem eigenen Erstaunen die Trauer anderer einschließlich Tränen. Es war vielleicht zum ersten Mal, dass Johannes bemerkte, wie die Gefühle anderer in ihm wirkten, und dass er keine Kontrolle darüber hatte noch haben wollte.

    Die physische Abwesenheit von Baba war zunächst kein Problem für ihn selbst, war doch seine Beziehung sowieso eher intern gewesen. Johannes fühlte zwar subtile und weitreichende Veränderungen in seiner Bruderschaft, war jedoch weder in der Lage seine Gefühle zu benennen, noch die Veränderungen. Er konnte sie auch nicht mit der physischen Abwesenheit Babas in Verbindung bringen, obwohl er instinktiv wusste, dass genau das der Auslöser war. Solange Baba noch gelebt hatte, war Johannes gerne zu den regelmäßigen Treffen auf verschiedenen Organisationsebenen gegangen. Jetzt waren sie ihm auf einmal auch ein Graus.

    Obwohl er die Zusammenarbeit mit den einzelnen Mönchen und Nonnen seines regionalen Arbeitsgebietes sich immer besser gestaltete, fürchtete er sich vor überregionalen Treffen. Das Herz tat ihm dann weh, ein sonst nicht gekanntes Gefühl, dem er völlig ratlos gegenüberstand. Während der Meetings fühlte er sich oft innerlich angestossen, verbindende Dinge zu sagen, sie so zu sagen, dass das Gefühl der Gemeinschaftlichkeit unter den Anwesenden grösser würde. Wenn ihm das gelang, dann nahm der Schmerz in seiner Brust vorrübergehend ab.

    Viele Jahre später hörte ich Johannes folgendes sagen:

    "Während der Verbrennung von Babas Körper herrschte eine besondere Stimmung. Das Gelände war vollkommen überfüllt mit Menschen, die gekommen waren, um Abschied zu nehmen. Fast alle waren ruhig und gefasst, mir war sehr feierlich zumute. Die Luft war geladen mit Elektrizität, zum Bersten geladen, doch herrschte keine Spannung, die nach Entladung drängte. Die Farben des Himmels waren die eines mächtigen, im Morgenrot heraufziehenden Gewittersturmes, der unsere Haare liebevoll zauste und unsere Gesichter kraftvoll streichelte.

    Schwärme von Vögeln zogen immer wieder Kreise über unseren Köpfen, die Bäume schüttelten sich anmutig im Wind. Die Erde schien alle Geräusche zu schlucken, man konnte die Stille des Windes hören, wie sonst nur auf einem einsamen Bergpass.

    Nach der Verbrennung bestiegen einige Mönche, die Baba sehr nahe gestanden hatten, das Gerüst, um die Asche in eine Urne zu füllen. Einer von ihnen, der mit dem gewaltigsten Körper, stocherte mit einem Stock in der Asche herum, offensichtlich auf der Suche nach einem Stück unverbranntem Knochen. Für einen Moment sah es so aus, als habe er mehrere Stücke gefunden und könne sich nicht entscheiden, welches davon er an sich nehmen würde. Dann drehte er sich mit der ganzen Kraft seines Willens um und stieg vom Gerüst herunter. Ich liebe ihn unsäglich für diesen Verzicht und für die völlige Selbstvergessenheit, mit der er über zehntausend Menschen gestattet hatte, den in seinem Innersten tobenden Gefühlen zu zuschauen."


    Dieses Schauspiel war symbolisch für den Konflikt der nächsten Jahre. Als Ho Chi Minh starb, verfügte er, dass die Hälfte seiner Asche unter einem nordvietnamesischen Hügel vergraben werde, die andere Hälfte unter einem südvietnamesischen Hügel. Man hielt sich nicht an seine Wünschen und baute auf dem zentralen Platz von Hanoi ein Imitat von Lenins Mausoleum, wo auch heute noch jeden Tag Hunderte an der einbalsamierten Leiche von "Onkel Ho" vorbeiziehen.

    Schon wenige Monate nach Babas physischer Abwesenheit wurden Pläne für ein gewaltiges Denkmal gemacht. Ein aufwendiges farbiges Prospekt ging um die Welt, mit dessen Hilfe die Bruderschaft die notwendigen finanziellen Mittel dafür eintreiben sollte. Johannes konnte sich nicht vorstellen, dass so ein Denkmal im Sinne Babas sein könnte. Es war auf jeden Fall nicht in seinem Sinne, und er war sehr froh, dass viele seiner Brüder es mit der gleichen Höflichkeit ignorierten wie er selbst.

    "Es dauerte lange, bis ich begriff, dass sofort nach Babas Tod ein erbitterter Machtkampf zwischen verschiedenen Fraktionen der Organisation eingesetzt hatte: Bengali Muttersprachler gegen Hindi Muttersprachler, Inder gegen Nicht-Inder, usw."

    Johannes drängte es in die Peripherie, möglichst weit weg vom Zentrum und den dort herrschenden Machtkämpfen. Dort konnte er seinen Kopf in den Sand stecken, und ungehindert den süssen Umgang mit den unschuldigen Familienmitgliedern der Organisation geniessen. Am besten gelang ihm das mit devotionalen Liedern, oder wenn er etwas länger frei reden konnte. Johannes entdeckte die Macht seiner Stimme und erschrak darüber. Er setzte sie nur ein, solange er das Gefühl hatte, dass alle damit einverstanden waren. Sobald er meinte, Widerstände oder widersprechende Meinungen zu spüren, blieb er still. Er merkte, wie er die Gefühle einer ganze Gruppen von Menschen "überreden" konnte, seine Gefühle zu teilen.

    In seiner Studentenzeit hatte Johannes ein erschreckendes Erlebnis mit seiner Freundin Helga gehabt. Sie waren nach einer fast durchfeierten Nacht am nächsten Tag spazieren gegangen, und führten dabei ein intensives Gespräch. Nach einiger Zeit bildete sich ziemlich plötzlich eine Verbindung von Helgas Scheitelchakra (Fontanella) zu dem von Johannes. Diese Verbindung hatte etwa die Stärke einer Bratwurst, fühlte sich aber viel fester an, fast wie ein Kabel. Sie bildete sich über Augenkontakt und wurde von Johannes kontrolliert. Obwohl es sich extrem angenehm angefühlt hatte, unterbrach Johannes diese Verbindung immer wieder. Seine kontrollierende Position in der Verbindung jagte ihm einen tiefen Schrecken ein. Er hatte das Gefühl etwas Verbotenes zu tun. Das Verhältnis von Johannes zum Thema Hypnose ist auch heute noch sehr gespannt und von einer tiefen instinktiven Abneigung geprägt.

    Man könnte den Manipulationsverzicht von Johannes als paranoisch bezeichnen, im Sinne der paranoischen Geistesvision von Salvadore Dali. In seiner Kunst bemühte sich Dali unsere festen Vorstellungen von Dreidimensionalität und Zeit aufzuweichen. Nach Dali hat das, was wir tun, Konsequenzen, die über Raum und Zeit hinausgehen. Aus solchen visionären Wahrnehmungen entstanden seine Bilder. Dali gab seinen Wahrnehmungen den Namen paranoische Geistesvisionen, dabei mit dem Begriff Paranoia (Verrücktheit) spielend. Johannes ist bezüglich Manipulation paranoisch. Er nimmt irgendwie verschwommen war, welche Auswirkungen Manipulation auf das menschliche Zusammenleben hat. Er kann seine Visionen zwar nicht logisch erklären, aber er richtet sein eigenes Verhalten und Wirken danach aus.

    In den überregionalen Treffen seiner Bruderschaft wurden die Fähigkeiten von Johannes, in einer Gruppe Menschen Gemeinschaftlichkeit erzeugen zu können, schnell erkannt. Viele erkannten auch, dass er keine eigenen Ziele hatte, zu deren Zweck er seine manipulativen Fähigkeiten einsetzte. Daher versuchten seine jeweiligen Vorgesetzten oft, Johannes für ihre eigenen Zwecke einzusetzen, wobei sie ihm ihre Vorstellungen als die von Baba zu verkaufen trachteten.

    Auf eine gewisse Weise wurde Johannes umworben, was ihm sehr schmeichelte. Doch gleichzeitig verursachten sie ihm Übelkeit, weil er die Motive durchschaute. Für ihn war das Wichtigste seine Beziehung zu Menschen, das Vertrauen zwischen ihm und seinem Gegenüber, das sich durch Ehrlichkeit aufbaute. Bei seinen Vorgesetzten fand er kalte Berechnung, herzloses Ausspielen von Menschen gegeneinander, und alle anderen Eigenschaften, die ein schnelles Vorwärtskommen auf der Karriereleiter des Topmanagement eines beliebigen Weltkonzerns garantieren.

    Johannes wählte den Rückzug. Er versuchte sich in seiner Arbeit zu verstecken und die überregionalen Treffen so gut es ging zu vermeiden. Der innere Konflikt liess sich so nicht vermeiden. Johannes schwankte zwischen Loyalität und Subversion. Er konnte Baba und die von ihm geschaffene Organisation genauso wenig auseinanderhalten wie Jesus und die christliche Kirche. Seine Loyalität zu Baba war ausser Zweifel, doch seine selbst aufgezwungene Loyalität gegenüber der Organisation bereitete ihm Herzschmerzen, und erzwang ein gewisses Mass an reaktiver Subversion. Johannes kommentierte das später so:

    "Ich hatte nicht den Mut aufzustehen und meine Meinung zu sagen. Ich weiss, dass ich vielen aus dem Herzen gesprochen hätte, doch fürchtete ich mich davor, in eine Führungsrolle gedrängt zu werden. Ich wollte nicht innerhalb der organisatorischen Struktur Politik betreiben, sondern weit weg von diesem Ringen irgendwo in der Peripherie arbeiten. Ich suchte mein Lambarene."

    Das fand Johannes auch, egal wo er hingeschickt wurde. Durch Versetzungen wurde dafür gesorgt, dass er nirgends richtig Fuss fassen konnte. Trotzdem traf Johannes überall schnell Menschen, mit denen ihn das wortlose Band gegenseitiger Achtung verband, in Malaysia, Singapore, Vietnam, Philippinen, Taiwan und der Sowjetunion.

    "Ich hätte die Organisation niemals freiwillig verlassen. Das verbot mein damaliges Loyalitätsverständnis."

    Das sagte Johannes, als ich ihn einmal nach dem Grund für seine Heirat fragte.

    "Da brauchte es wohl größere Kräfte als meinen wankelmütigen, unentschlossenen Geist, der nicht in der Lage war, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Es liegt schon viel Humor darin. Ich lebte damals sehr kopfgesteuert, und wie bei allen anderen Menschen führte die Unterdrückung ehrlicher und berechtigter Gefühle zum Ausbruch weniger ehrlicher und weniger berechtigter Gefühle. So ist das nun Mal mit Übertragung.

    Weil ich meine Gefühle weder dort auslebte, wo sie entstanden, noch ihre fortgesetzte Entstehung durch Ändern der Situation verhinderte, mussten sie sich irgendwann verselbstständigen, und die Situation sprengen. Bei Su war das irgendwie ähnlich. Sie lebte in einer Ehe, die sie nicht weiterbrachte. Sie konnte weder ihre Gefühle mit ihrem Mann klären und erneut gemeinsam wachsen, noch die Beziehung beenden und getrennt wachsen. So haben wir uns gegenseitig zu den notwendigen Trennungen verholfen. Ich bin ihr sehr dankbar dafür. Ausserdem war es sehr schön mit Su und ich habe sie immer noch lieb."


    Einer der gemeinsamen Bande von Su und Johannes war ihre Blauäugigkeit, eine Kombination von gefühlsbedingtem Idealismus mit einer guten Portion unschuldiger Naivität. Beide glauben an das Gute im Menschen, und das lässt sie in unserer Welt des finanziellen Pragmatismus manchmal unpraktisch erscheinen. Nachdem sie ein Weile in Taiwan geflittert hatten, suchte Su wieder vorsichtigen Kontakt mit ihren Freunden, die fast alle der Organisation angehörten. Sie vereinbarte ein Treffen von Organisationsmitgliedern, die Johannes nahe standen. Dort sollten alle Gelegenheit erhalten, ihre Gedanken und Gefühle zu äussern.

    Das Treffen stellte sich als Falle heraus. Das Motiv seitens der Organisationsmitglieder war Bestrafung. Man wollte die Beiden trennen und Johannes zu einer Art freiwilligen Haft verpflichten. Johannes willigte scheinbar ein und rannte bei der ersten Gelegenheit weg. Was ihn um meisten erschüttert hatte, war nicht die verständliche Reaktion der Organisationsmitglieder, noch der Wunsch ihn zu bestrafen, sondern der unverhohlene Hass seitens seiner ehemaligen Mitmönche, den Menschen, die er bis zu diesem Moment als seine wahren Brüder im Geiste empfunden hatte. Johannes war zutiefts erschüttert und vereinsamt.

    "Jetzt weiss ich, was ein Sündenbock ist," sagte er darüber, "Ihre ganze eigene Unehrlichkeit der eigenen Gefühle kochte in diesen Momenten nach oben und entlud sich unkontrollierbar über mich. Sie hätten mich am liebsten zerfleischt, und nur die Gegenwart der anderen Organisationsmitglieder, der Familienmenschen hielt sie von körperlicher Gewalt ab. Ich unterdrückte den Impuls zu lachen.

    Ich hatte keine Angst, aber es tat mir weh, die Augen so geöffnet zu bekommen. Meine Brüder mussten sich vor mir schützen. Ich hatte etwas getan, was ihr Selbstbild zu zerstören drohte. Um es aufrecht erhalten zu können, mussten sie mich wenigstens verteufeln. Sich loszusagen genügte nicht, Missbilligung auszudrücken war nicht genug. Ich bekam zusätzlich zu meiner Sünde alle ihre Sünden mit aufgebürdet. Schlachten wäre da nur noch die logische Konsequenz gewesen. Es war ein traumatisches Erlebnis, das mir sehr beim Einhalten des unfreiwilligen Entschlusses half, nie wieder Kontakt mit der Organisation aufzunehmen."


    Ich stellte Johannes die klassische Frage, ob er das heute noch mal tun würde.

    "Ja, aber anders," sagte er, "Ich würde zuerst meine Gefühle innerhalb der organisatorischen Hierarchie aufdecken. Vermutlich hätte man mich mundtot gemacht. Als nächstes würde ich darauf bestehen, dass Su die Situation mit ihrem Mann klärt. Falls sich die beiden für eine Trennung entschieden hätten, wäre der nächste Schritt die öffentliche Widerrufung meiner Gelübde gewesen. Na ja, jedenfalls wäre das der korrekte Weg."

    In seinen folgenden Beziehungen blieb Johannes äusserlich korrekt, doch sollte er feststellen, dass auch das nicht genügt. "Innerliche Korrektheit verlangt geklärte Gefühle auf beiden Seiten, oder aber ihre gemeinsame Klärung." (Fortsetzung folgt)



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