![]() |
![]() |
|
| Chamäleon Teil 1 1. Kindheit 2. Heranwachsen 3. Wehrdienst & Studium 4. Der Einschnitt 5. Weitere Reisen 6. Sprung ins Blaue 7. Leben & Tod 8. Ahnenenergie 9. Zweiter Anlauf 10. Vorbild des Vorbildes 11. Aussen & Innen 12. Jetzt zum Teil 2 |
![]() |
|
mein biographischer Forscherdrang. Ich habe nicht die Absicht, mich an die Schauplätze seines Lebens zu begeben oder in den Gedächtnissen seiner Verwandten und Bekannten nach Schnipseln zu suchen, die sich dann doch nicht verifizieren lassen. Es liegt mir fern, mich mit ihm zu identifizieren oder gar zu versuchen, seine Erfahrungen nachzuempfinden.
Man darf also die Personen, Daten und anderen Fakten in dieser Geschichte nicht zu ernst nehmen. Die Aufzeichnungen wimmeln von Abkürzungen, Akronymen, Symbolen, Klammern und sind mit Fussnoten gespickt. Johannes entwickelte eine Art Kurzschrift, die sich jedoch ständig ändert. Im übrigen sind viele der Tagebucheintragungen Aphorismen und Gedichtfetzen, die ihm vermutlich seine jeweilige Stimmung besser und kürzer auszudrücken schienen, als er es mit seinen eigenen, etwas umständlichen Worten hätte tun können. Johannes, obwohl er sich sprachlich sehr lebhaft ausdrücken konnte, hat anscheinend nie etwas einfach so hingeschrieben. Spontanität ist keine Qualität seiner Aufzeichnungen. Selbst die Tagebucheintragungen unmittelbar nach einem aufwühlenden Erlebnis haben immer etwas reflektiertes, daher auch endgültiges.
Meine eigenen Erinnerungen an unsere Kindheit sind mehr als lückenhaft. Ich erinnere mich nur an einige wenige Eckdaten. Der ganze Rest kann nur erahnt werden, wie das Fundament eines Hochhauses unter seinem vielgeschossigen Keller. Johannes hat nie zu den Menschen gehört, die genau wissen was sie wollen. Dagegen wusste er immer, wenn er etwas nicht wollte. Schon als kleines Kind wollte er niemals Politiker oder Geschäftsmann werden, und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Sein Verhältnis zu Gott endete vorläufig im Alter von 13 Jahren. Sein damaliger Religionslehrer Lerdon, ein cholerischer und augenrollender Hugenottenabkömmling, war ein engstirniger Fanatiker. Bei Johannes regten sich damals die ersten eigenständigen Gedanken um das Wohin, Woher und Wozu. Von der Thematik her schienen diese Fragen nur in den Religionsunterricht zu passen, wo er sie dann auch ganz ernsthaft und unschuldig stellte. Die "Antworten", ausweichend und gefühlsbeladen, liessen durchblicken, dass solche Fragen nur vom Teufel inspiriert sein könnten, und dass die durch sein Denken vorprogrammierte Endstation Hölle nur noch unter widerspruchlosem Befolgen der Gebote Gottes im allgemeinen, und der Lerdon'schen Instruktionen im besonderen abzuwenden wäre. Obwohl ihn die Hölle unbeeindruckt liess, hörte er doch mit dem Fragen auf, und zwar nicht nur dem Lehrer gegenüber, sondern auch innerlich. Er wurde einfach Atheist, eine Trotzreaktion auf das Erwürgen seiner ehrlichsten Fragen durch den (selbsternannten) Stellvertreter Gottes. Von da ab waren seine Scheuklappen gegenüber theologischen Einmischungen ebenso gross, wie die Lerdon'schen gegenüber juvenilen Inquisitoren. Es führte dazu, dass er in den folgenden Jahren die Lehre Jesu und Gott zunehmend für "ihre" Institution Kirche und deren Betreibung verantwortlich machte. Johannes leugnete das Gottwesen, weil er es im Verdacht hatte, ein Christ zu sein.
Seine erste ernsthafte Liebesbeziehung begann mit siebzehn, mit einer Mitschülerin der gleichen Klasse. Sie war nach eimem Jahr Schüleraustauch aus Kalifornien zurückgekehrt und hatte etwas Geheimnisvolles um sich, das sie von ihrer Reise mitgebracht hatte. Lebenserfahrung wäre wohl das richtige Wort gewesen, obwohl Johannes es damals nicht hätte benennen können. Diese in die Studentenzeit reichende Partnerschaft hatte auf ihn sicherlich einen guten Effekt, denn Josefine war strebsam und wusste was sie wollte.
Nach dem Abitur ging Johannes direkt zur Bundeswehr. Auf sich allein gestellt wäre ihm Ersatzdienst zwar lieber gewesen, doch kam dies angesichts der Einstellung seines Vaters nicht in Frage. Durch handballerische Beziehungen war die Stationierung nur 50km vom Wohnort entfernt, so dass er nach der dreimonatigen Grundausbildung wieder am Handballtraining teilnehmen konnte. Der Bundeswehr verdankt Johannes seinen Führerschein. Ausserdem wurde ihm wenn auch unabsichtlich, doch dem Wort Wehrdienst getreu beigebracht, wie man sich wehrt.
Den Leistungshöhepunkt im Handball überschritt Johannes mit 23. In einem Punktspiel wurde ihm durch einen gezielten Faustschlag der Mittelhandknochen des rechten Ringfingers gebrochen. Der Bruch sollte unter lokaler Betäubung gerichtet werden. Die Betäubung misslang und man verabreichte ihm eine zusätzliche Vollnarkose, die wiederum etwas zu gut gelang. Sein Geist trennte sich vom Körper und schwebte im Luftzug der Klimaanlage unter der Zimmerdecke wie ein Luftballon in eine Ecke. Dabei blieb sein bewusstloser Körper immer im Blickfeld, den Johannes interessiert aber unbeteiligt betrachtete. Der Arzt trat heran und begann mit der Operation, in deren Verlauf Johannes in seiner Ecke unter der Zimmerdecke einen plötzlichen Ruck verspürte. Das nächste, an was er sich erinnerte, war der Chirurg, der an sein Bett herantrat, als er aus der Narkose aufwachte. "Sie haben mich operiert!" sagte Johannes. Darauf antwortete der Arzt: "Ja, das stimmt. Aber woher wissen Sie das? Wir haben uns nie zuvor gesehen."
Auf seiner ersten Reise hatte sich die Dreiergruppe als problematisch herausgestellt - einer war immer in der Minderheit gewesen. Deshalb wollte Johannes diesmal zu zweit fahren und brachte folgenden Aushang am schwarzen Brett des Sportinstituts an: "Wer fährt mit nach Afrika?" Mit seinem gefundenen Reisepartner, einem gleichaltrigen Sportstudenten, durchquerte er Afrika von Tansania nach Kameroon und von dort über Togo durch die Sahara nach Tunis. Gleich zu Anfang bestiegen sie den Kilimandscharo. Die letzte Etappe des dreitägigen Aufstiegs begann früh morgens um vier von einer Hütte am Fuss des Kraterkegels. Als sie oben ankamen war es noch Nacht und ein eisiger Schneesturm begrenzte die Sicht auf wenige Meter. Auch der Sonnenaufgang eine halbe Stunde später brachte keine wesentliche Verbesserung, so dass sie völlig durchfroren abstiegen. Auf dem Rückweg begegneten die beiden nacheinander allen anderen Wanderer, die an diesem Tag aufstiegen und erheblich langsamer zu Fuss waren. Sie alle, ohne Ausnahme verbrachten einen wunderschönen klaren Vormittag mit unbegrenztem Panoramablick auf dem Gipfel, stiegen teilweise zum Kratersee ab, und kamen total begeistert am frühen nachmittag zurück. Das Johannes durch seine körperliche Fitness um einen der Glanzpunkte des touristischen Lebens gebracht wurde, hat er nie vergessen können. Er sollte auf dieser einzigartigen Reise trotz traumhaft schöner Wochen an Orten wie dem Ngorongorokrater, im Kongodschungel und der Sahara noch einiges auf unangenehme Weise lernen.
Im darauf folgenden Jahr verreiste Johannes mit seiner Freundin Helga, einer Sportstudentin. Sie fuhren per Autostop mit einigen Zwischenstationen nach Korsika. Diesmal fanden keine inneren Verwandlungen statt. Oder falls doch, fanden sie unbemerkt statt. Im Vergleich mit Asien oder Afrika, lag Korsika ja auch fast zu Hause. Helga verliess bald nach dem Korsikaurlaub Deutschland, um in San Francisco das für Englischstudenten obligatorische Auslandsjahr zu verbringen. Johannes nahm ihren Platz in einer gut funktionierenden 8-köpfigen WG des Stundentenwohnheims ein. Dort verbrachte er vom menschlichen Standpunkt gesehen das schönste Jahr an der Uni.
Nach einem unvergesslichen gemeinsamen Monat in San Francisco war es für Helga Zeit, nach Hause zu reisen. Johannes hatte mittlerweile eine Freiwilligentätigkeit in der Haight-Ashbury-Free-Clinic begonnen. Dort lernte er einen weisen, älteren Herrn kennen, den er später Ed nennen sollte. Eine von Johannnes Aufgaben war, den Patienten ein paar grundlegende Fragen zu stellen. Da Ed Schwierigkeiten mit dem Gehen hatte, kniete Johannes sich zum Ausfüllen des Fragebogens mit seinem Klemmbrett vor ihm auf den Boden. Sie kamen in ein angeregtes Gespräch und verabredeten sich später. Ed wurde sein Führer durch San Francisco, dass er wie seine Westentasche kannte. Sie besuchten Museen, Parks, Ausstellungen und spirituelle Gruppen. Jede Religion und Splittergruppe der Erde hat ein Zentrum in San Francisco. Ed brachte Johannes zu den Theosophisten, zu Satya Sai Baba, zu den anonymen Alkoholikern, zur Ramakrishna Mission, zur Red Swastika Society und anderen buddhistischen und taoistischen Organisationen Chinatowns, zu den Bahai's, zu einer vedischen Feuerzeremonie und auch zum Zen Center, wo Ole Nydahl einen Vortrag hielt. Ole Nydahl berührte im Rahmen der anschliessenden Initiationszeremonie das Scheitelchakra von Johannes, der es daraufhin zum ersten Mal in seinem Leben spürte.
Auf der mexikanischen Seite der Grenze hörte das Englisch schlagartig auf, und Johannes war von einem Moment zum anderen sprachlich isoliert. Da er nichts verstand und niemand da war, mit dem er reden konnte, war seine Isolation vollständig. Johannes hatte sich damals, während er alleine tagelang auf dem Dach ihres die Sahara durchquerenden Fahrzeuges sass, eingebildet zu wissen, was Einsamkeit bedeutet. Er wurde jetzt eines Besseren belehrt. Der einzige Passagier, der ein paar Brocken Englisch sprach, ein junger Mann seines Alters, war so offensichtlich voller unlauterer Absichten, dass seine Gesellschaft schlimmer als keine war. Johannes wurde immer misstrauischer und daher immer missmutiger und verschlossener. Das einzige, was ihn vor der Umkehr bewahrte, war die Gewissheit, dass er nie wieder in einen Spiegel würde blicken können, ohne in die Augen eines geschlagenen Mannes zu sehen. Johannes beschloss, mit der Bahn über Mexico City bis Oaxaca zu fahren, und auf dem dortigen Campingplatz sein Zelt aufzuschlagen, und mindestens zwei Wochen lang zu versuchen, mit der Situation fertig zu werden. Wenn ihm dann noch der Sinn nach Umkehr stände, würde er es ruhigen Gewissens tun können.
Abends, auf dem Campingplatz packten sie die Tagesbeute unter dem lebhaften Austausch ihrer Lebensgeschichten um. Sowohl Rosa als auch Jerardo sprachen fliessend Englisch. Auf diese Weise zogen etwa zwei Wochen ins Land. Nachdem Johannes herzlichst sowohl in das Heim von Rosa und Jerardo, als auch in die Bleibe Henrys in San Francisco bzw. Oakland eingeladen worden war, fragte ihn Henry, ob er zum Dank für die erteilte Hilfe nicht etwas für Johannes tun könne. Der bat ihn darum, ihn für ein paar Wochen bei einer mexikanischen Indianerfamilie in einem Dorf unterzubringen. Auf diese Weise kam Johannes nach Teotitlan del Valle, einem Dorf von Teppichwebern, in das Haus von Uvenal Mendoza, der leidlich Spanisch sprach, während die übrige Famile sich nur in Zapoteko unterhielt.
Henry und Rosa empfingen ihn mit offenen Armen und der üblichen Menge Arbeit. Johannes stürzte sich begeistert in beides. Tagsüber besuchten sie oft verschiedene in der Bay-area verstreute Kunden von Henry. Ausserdem galt es, Ausstellungen und einen Ausverkauf vorzubereiten. Henrys "warehause" lag auf der San Francisco - Seite der Bay, ganz in der Nähe der "fisherman′s wharf", während er auf der anderen Seite der Bay, in Oakland wohnte.
Genau 14 Jahre später begann eine Erfahrung, die einerseits Johannes seinem Vater sehr nahe brachte, und andererseits den Anfang der Erlösung ihrer gestressten Beziehung brachte. Johannes war inzwischen aus seiner Yoga - Organisation heraus katapultiert worden und frisch verheiratet. Beides - das Katapultieren und das Heiraten - waren ursächlich miteinander verknüpft, aber das ist eine andere Geschichte. Er war nach 14 Jahren ausser-europäischem Ausland mit DM 200,- in der Tasche nach Deutschland zurückgekehrt, um hier erneut Fuss zu fassen, und für seine taiwanesische Frau ein Heim zu schaffen. Daraus wurde erstmal ein Ein-Mann-Ashram. Er hatte sich zwar den bis zum Bauchnabel herunter hängenden Bart schon vor seiner Ankunft in Deutschland abgeschnitten, doch liess sich das Gedankengut, das den Bart hervorgebracht hatte, nicht so einfach abschneiden. Vor allem war nichts da, was die dadurch entstehende Lücke hätte füllen können.
Nach der sterbebedingten Haushaltsauflösung der elterlichen Wohnung nahm Johannes das Angebot eines Pariser Handballteams an. Sein in Afrika gefasster Entschluss Französisch zu lernen trug dazu nicht unwesentlich bei. Der Club finanzierte seinen Sprachkurs, versorgte ihn mit einem Zimmer und der Gelegenheit, ein paar Franc als Deutsch-Nachhilfelehrer zu verdienen. Der Sprachkurs nahm den halben Tag ein, der Handball drei Abende und das meiste vom Wochenende. Die übrige Zeit verbrachte Johannes in Museen, Konzerten, Ausstellungen und Bibliotheken.
In Mexico City angekommen fand Johannes heraus, was dort gebraucht wurde und was sie geladen hatten. Gebraucht wurden Schaufeln, Schubkarren, Vebandsmaterial, Decken. Geladen hatten sie vier veraltete Geräte zum Auspumpen des Magens, einige Säcke alter Kleidungsstücke, die sie auf der offenen Ladefläche vor dem Erfrieren gerettet hatten, und eine gute, solide Plane, die sie vor dem Regen geschütz hatte. Diese Plane stellte sich als das einzig wirklich Brauchbare heraus.
In Calcutta angekommen, begab sich Johannes sofort zum Haus des Lehrers seines Lehrers. Die Strasse war vollgestopft mit Leuten, die ihn zu einem grünen Tor wiesen, das er genauso überragte, wie alle Menschen in der Strasse. Auf sein Klopfen öffnete ein bärtiger Mann in orangener Uniform und Turban der Yogamönche und sagte völlig perplex "Mein Gott!" Johannes wurde sich schlagartig des äusserlichen Gegensatzes bewusst, den er zu seiner Umgebung bildete. Der silberne Ohrring mit seinem militärischen Kurzhaarschnitt und den schwarz gefärbten Militärhosen passten zu dem Aussehen aller anderen Anwesenden wie ein Buchhalter in die Punkszene. Er durfte trotzdem (gebückt) eintreten und war angenehm überrascht, dass zwar alle Augen sich kurz in Erschrecken weiteten, aber dass er nach wenigen Minuten in die Menge gehörte, wie eine Ente ins Wasser. Es fühlte sich an wie zuhause. Das war nicht das richtige Wort, denn so zuhause hatte er sich zuhause bei seiner Blutsfamilie nie gefühlt, auch nicht bei den Blums in Mexico, oder bei Henry und Rosa. Johannes hatte das bestimmte Gefühl angekommen zu sein.
Im Laufe der folgenden Jahre hatte Johannes viele Begegnungen mit seinem Guru. Bei den schönsten war niemand anderes dabei. Sie fanden innerlich statt. Einmal war Johannes auf dem Weg von Kathmandu zur indischen Grenze nach Sonauli. Der Nachtbus hatte ungefähr einen Meter fünzig Innenhöhe, und der Sitz war so eng, dass Johannes nur mit bis zum Kinn angezogenen Knien sitzen konnte. Er fragte sich, wie er wohl die mindestens 8-stündige Fahrt überstehen sollte. Kurz nach der Abfahrt schlief er ein und Baba kam im Traum. Er massierte Johannes den Nacken und die Schulter auf so unglaublich süsse Weise, dass Johannes beim Aufwachen Minuten brauchte, bis er die Realität des Busses begreifen konnte. Er hatte durchgeschlafen und war so erholt, wie nach einem 6-wöchigen ayurvedischen Kuraufenthalt mit täglichen Wellness Anwendungen in Sri Lanka.
Ein andermal war er mit einer Gruppe von Amerikanern und Mexikanern zusammen, die er fast alle gut kannte. Sie hatten sich in einem Raum mit mehreren Fenstern versammelt, der sich fast unmittelbar gegenüber von Babas Zimmer im nächsten Gebäude befand, und sangen devotionale Lieder. Einer der Mexikaner geriet immer mehr in Verzückung und fiel schliesslich regungslos zu Boden. Während die anderen in der am weitesten entfernten Ecke eng zusammenrückend ängstlich an ihren Liedern festhielten, hatte eine magische Anziehungskraft Johannes veranlasst, sich zu dem am Boden Liegenden zu setzen. Johannes nahm dessen Kopf in seinen Schoss und ihn überströmten unaufhöhrlich die Tränen der Glückseligkeit, die er mit dem regungslosen Mexikaner teilte. Die beiden brauchten in Zukunft untereinander keine Worte mehr. Durch das gemeinsame Erlebnis war eine Brücke entstanden, die jede andere Kommunikation überflüssig machte.
Wann immer ich Johannes auf sein buntes Leben zurückschauend erlebt habe, scheint er jedesmal ein Anderer zu sein. Oft merke ich erst ganz am Ende einer Geschichte, dass ich sie zum zweiten oder dritten Mal höre, so anders wurde sie von Johannes erzählt. Oder habe ich dieses Mal vielleicht ganz anders zugehört? - Und nun begreife ich auch, warum er seine ganzen Tagebücher, Fotos und andere Erinnerungsdokumente immer wieder verbrannt hat. Seine Geschichten leben. Er möchte seine Gegenwart nicht durch eine vor zwanzig oder dreissig Jahren benutzte Brille sehen müssen. Er will sich die Freiheit bewahren, seine Erinnerungen jedesmal anders zu erleben, und die sich daraus für die Zukunft ergebenden Schlussfolgerungen immer neu ziehen zu können.