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Das Umgekehrte Chamäleon

Interdimensionale Autobiographie - Teil 1

Chamäleon Teil 1
1. Kindheit
2. Heranwachsen
3. Wehrdienst & Studium
4. Der Einschnitt
5. Weitere Reisen
6. Sprung ins Blaue
7. Leben & Tod
8. Ahnenenergie
9. Zweiter Anlauf
10. Vorbild des Vorbildes
11. Aussen & Innen
12. Jetzt
zum Teil 2
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  • Es handelt sich hier um biographische Fragmente, die mir ein sehr guter Freund, die "Johannes" getaufte Hauptfigur, zur Verfügung gestellt hat. Als ich das Material Anfang 2006 zum ersten Mal in die Hände bekam, war ich sehr gefangen. Denn mein eigenes (bisheriges) Leben war sehr ähnlich verlaufen.

    Das Material ist teilweise "am Stück", teilweise in Stücken. Beim hier folgenden Teil 1, dem "Umgekehrten Chamäleon" sind es grosse Textstücke in Tagebuchform mit überwiegend chronologischem Verlauf. Ich habe sie in 12 Kapitel aufgeteilt habe, ohne die Reihenfolge zu ändern. Sowohl diese Vorgehensweise als auch die Struktur der Textstücke spiegeln sehr gut Merkmale der "alten" Energie, wie 3-Dimensionalität und die lineare Zeitachse.

    Im Teil 2, Ein Chamäleon Bekennt Farbe sind es um ungeordnete Fragmente. Zum Festlegen einer Reihenfolge stand und steht mir nur mein eigenes Gutdünken zur Verfügung. Chronologie hat dabei - wie auch in den Fragmenten selber - keine so grosse Rolle gespielt. Insofern spiegelt der Text selbst und die Reihenfolge der Fragmente gut das Wirken der "Neuen" Energie wieder, in denen sich die starren Strukturen von Zeit und 3-Dimensionalität langsam aber sicher auflösen. Buch 2 ist unvollständig.

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    Vorwort

    Ich erzähle ihnen hier die Geschichte des merkwürdigsten Menschen, den ich kenne. Obwohl wir seit frühester Kindheit Spielkameraden waren, mehr oder weniger zusammen aufwuchsen und sich unsere Lebenswege immer wieder kreuzten, blieb mir Johannes immer ein wenig fremd. Er tauchte wiederholt unter mysteriösen Umständen in meinem Leben auf - zum ersten Mal im Sandkasten - nur um bald darauf wieder zu verschwinden.

    Ich erzähle seine Geschichte nicht mit der Absicht, sein Leben biographisch zu dokumentieren. Dazu reicht weder das mir von ihm überlassene Material, noch unsere Erinnerungen, noch http://commons.wikimedia.org/wiki/File:P_culture.svgmein biographischer Forscherdrang. Ich habe nicht die Absicht, mich an die Schauplätze seines Lebens zu begeben oder in den Gedächtnissen seiner Verwandten und Bekannten nach Schnipseln zu suchen, die sich dann doch nicht verifizieren lassen. Es liegt mir fern, mich mit ihm zu identifizieren oder gar zu versuchen, seine Erfahrungen nachzuempfinden.

    Was mich aber brennend interessiert, sind die Konsequenzen, die Johannes aus seinem bunten Leben gezogen hat oder ziehen sollte. Ich verspüre einen geradezu unnatürlichen, zwanghaften Drang, in seine jetzigen Schuhe zu schlüpfen, die er bei seinem letzten Verschwinden zurück liess. Ein treffenderes Wort wäre wohl Besessenheit, und sie wird umso schlimmer, je mehr ich in seinem zurückgelassenen Material wühle.

    Normalerweise hätte ich die Kiste einfach unbesehen irgendwo auf den Speicher gestellt, bis sie der Eigentümer zurückverlangt. Obwohl ich neugierig bin, überwiegt meistens mein Respekt für die Privatsphäre. Da aber Johannes auf seinen zahlreichen Durchreisen immer wieder für kurze Perioden bei mir wohnte, wurde ich sozusagen unfreiwilliger Zeuge seiner Wandlungen. Bei jedem erneuten Auftauchen schien es ein anderer, fremder Johannes zu sein, der da zur Tür hereintrat. Doch nach ein bis zwei Tagen hatten unserer Gespräche die neu entstandene Lücke stets überbrückt und ich konnte wieder die Kontinuität in seiner Entwicklung sehen.

    Er blieb mir ein Rätsel, das sich immer wieder löste. Mal tauchte er mit Jeans, Jesuslatschen, langen Haaren und einem Bart bis zum Bauchnabel auf, dann wieder kurz geschoren im massgeschneiderten Anzug. Aus seinem Rucksack habe ich ein Notebook auftauchen sehen, während er bei anderer Gelegenheit seinem Delsey Koffer zerfetzte Bücher und durchgewetzte T-shirts entnahm. Er war einer der ersten Männer mit einem Ohrring, der aber verschwand bevor Piercing zur Mode wurde. Zur Taufe seines Neffen, er war Patenonkel, erschien er mit Glatze, Ohrring, Zimmermannshose und Wildlederjacke. In letzter Minute kommend, das Patenkind auf einem Kissen tragend schritt er durch den Mittelgang der Kirche und genoss jeden einzelnen der zu beiden Seiten herunterklappenden verwandschaftlichen Unterkiefer.

    Mengenmässig liess Johannes nicht allzuviel zurück, und das wenige fast ausschliesslich in Englisch: drei Manuale, die er als Yogalehrer erstellt und benutzt hatte und einen Stapel Bücher seines Lehrers. Dann sind da noch ein paar Tagebücher, die jedoch so unregelmässig geführt sind, dass man daran verzweifeln könnte. Weder gibt es regelmässige Datierungen, noch kann man sich auf den chronologischen Verlauf verlassen. Johannes hatte anscheinend immer viel Platz gelassen, um später Ergänzungen und Kommentare hinzufügen zu können. Er benutzte dazu Stifte in verschiedenen Farben, zweifellos mit einer systematischen Absicht, der ich jedoch bis jetzt nicht auf die Spur kam. Zwischen den Seiten stecken hier und dort Briefe von Absendern, die sich nicht mehr ermitteln lassen. Trotzdem können die Briefe eindeutig bestimmten, in den Tagebüchern erwähnten Personen zugeordnet werden. Dadurch ergibt sich mit Hilfe der Poststempel ein schemenhaftes, in Raum und Zeit lose verankertes Bild.

    Man darf also die Personen, Daten und anderen Fakten in dieser Geschichte nicht zu ernst nehmen. Die Aufzeichnungen wimmeln von Abkürzungen, Akronymen, Symbolen, Klammern und sind mit Fussnoten gespickt. Johannes entwickelte eine Art Kurzschrift, die sich jedoch ständig ändert. Im übrigen sind viele der Tagebucheintragungen Aphorismen und Gedichtfetzen, die ihm vermutlich seine jeweilige Stimmung besser und kürzer auszudrücken schienen, als er es mit seinen eigenen, etwas umständlichen Worten hätte tun können. Johannes, obwohl er sich sprachlich sehr lebhaft ausdrücken konnte, hat anscheinend nie etwas einfach so hingeschrieben. Spontanität ist keine Qualität seiner Aufzeichnungen. Selbst die Tagebucheintragungen unmittelbar nach einem aufwühlenden Erlebnis haben immer etwas reflektiertes, daher auch endgültiges.

    Ich habe schon immer gerne gepuzzelt, und dabei auch Motive von vielen Tausend Einzelteilen nicht gescheut. Doch ob ich jemals in der Lage sein werde, das Puzzle Johannes zu vervollständigen, muss ich bezweifeln, denn es fehlen über 50% der Teile. Trotzdem sind die sich ergebenen fragmenthaften Bilder so interessant, dass ich es nicht lassen kann weiterzupuzzeln. Dem Leser kann so eine mottenzerfressene Lebensgeschichte natürlich nicht zugemutet werden. Ich habe also die bestehenden Lücken "stetig" ergänzt und mich dabei bemüht, sowohl die Logik wie auch die Ästhetik nicht zu kurz kommen zu lassen.

    Dichtung und Wahrheit waren schon in den Aufzeichnungen von Johannes untrennbar miteinander vermischt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher rein zufällig. Historische Genauigkeit scheint Johannes nicht sonderlich zu interessieren, wohl aber geschichtlicher Verlauf. Irgendwo in Paris trieb er Schulgeschichtsbücher verschiedener Nationen für die gleiche Altersstufe auf, eins aus der DDR, ein französiches und ein englisches. Durch den Vergleich, über das Thema hatte er in der Schule ein Referat halten müssen, verlor er die letzten Überreste seines Glaubens an eine objektive Geschichtsschreibung.

    Als er mich darum bat, die Kiste mit seinen Sachen aufzuheben, fragte ich nach dem Inhalt. Es seien Aufzeichnungen seiner Erlebnisse, sagte er, und ich könne ruhig hineinschauen, das mache ihm nichts aus. Auf die Frage, warum kein einziges Foto dabei sei, erwiderte er, er habe sie alle verbrannt, zusammen mit den bis dahin gemachten Tagebuchaufzeichnungen und Briefen. Das muss so um 1986 gewesen sein, vermutlich auf der Durchreise von den USA nach Indien. Das folgende Tagebuch enthält aber offensichtlich Auszüge aus den Verbrannten. Unter anderem schrieb er (wie immer ohne Datum):

    "Heute habe ich in meinem alten Tagebuch gelesen. Ich bin überrascht. Meine Erinnerungen an die beschriebenen Situationen sind noch ganz bildhaft. Trotzdem würde ich das meiste so nie wieder hinschrieben. Es klingt falsch - oder sollte ich besser fremd sagen. Dass man sich so ändern kann. Dabei sind es doch ein und die selben Erlebnisse, die mich die Worte in mein altes Tagebuch schreiben liessen, und deren Erinnerung in meinem Gedächtnis jetzt im Widerspruch zu den damals geschriebenen Worten stehen. Die Erlebnisse können sich ja nicht geändert haben, also muss ich selbst es sein, mein Denken, das sich geändert hat. Dabei schrieb ich damals in der Absicht, "objektive" Aufzeichnungen des Geschehenen für die Zukunft zu konservieren. Jetzt kommen mir manche der Aufzeichnungen sogar abstossend vor, und ich möchte mich am liebsten davon befreien, verhindern, dass die alten Denkmuster mich je wieder beeinflussen. Na ja, ein paar nette Sachen sind auch dabei, alledings fast alles Zitate. Vielleicht sollte ich diese kopieren und den Rest verbrennen."

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    Kindheit

    Meine eigenen Erinnerungen an unsere Kindheit sind mehr als lückenhaft. Ich erinnere mich nur an einige wenige Eckdaten. Der ganze Rest kann nur erahnt werden, wie das Fundament eines Hochhauses unter seinem vielgeschossigen Keller. Johannes hat nie zu den Menschen gehört, die genau wissen was sie wollen. Dagegen wusste er immer, wenn er etwas nicht wollte. Schon als kleines Kind wollte er niemals Politiker oder Geschäftsmann werden, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Während die Familie seines Vaters nach dem zweiten Weltkrieg aus ihrer ostpreussischen Heimat floh und sich im Rhein-Main-Gebiet niederliess, kommt seine Mutter aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald. Dort verbrachte Johannes mit seiner ein Jahr jüngeren Schwester oft viele Monate am Stück. Und später, nach der Einschulung fuhren sie mit ihrer Mutter am ersten Ferientag hin, um erst am letzten wieder zurückzukommen. Das Dorf, weitab von städtischer Betriebsamkeit, mit seinen Feldern ringsum vom Wald umgeben war ein Spielplatz ohne Grenzen, in dem es nur eine einzige Regel gab: Rückkehr bei Sonnenuntergang. Johannes verschwand nach dem Frühstück und ward bis zum Sonnenuntergang nicht mehr gesehen. Falls man ihn finden wollte, war das weiter keine grössere Schwierigkeit. Man begab sich drei Häuser weiter und fragte die Mutter seines Freundes, wo sich die beiden wohl aufhielten, und bekam immer eine zufriedenstellende Antwort. Sein Freund, der seinen Teil der täglichen bäuerlichen Arbeiten erledigen musste, durfte sich nur nach vorhergehender Absprache mit seiner Mutter ausser Rufweite begeben.

    Johannes half bei allen diesen Arbeiten und wurde auf diese Weise wurde er mit den meisten landwirtschaftlichen Tätigkeiten spielerisch vertraut. Wer mitarbeitet, isst auch mit und Johannes setze sich demzufolge, wie auf dem Dorf üblich, auch mit seinem Freund an den Essenstisch. Die Ferien wurden zum bücherfreien Gegenpol des Schülerdasein im städtischen Asphaltdschungel. Das einzige Problem waren sprachliche Umstellungsschwierigkeiten nach den Ferien, denn sein dörflicher Dialekt erzeugte in der hochdeutschen Bildungsatmosphäre Missklänge. Stellvertretend sei der folgende Dialog zwischen dem Zweitklässler und seiner Lehrerin wiedergegeben: "Johannes, sage doch bitte einmal Mehl!" - "Mähl!" - Nicht Mähl sondern Mehl! - "Mähl!" Selbst ziehen an den Ohren konnten ihm den phonetischen Unterschied zwischen hochdeutschen Mehl und dem schwäbischen Mähl nicht verdeutlichen, der übrigens nach ein paar Tagen von allein verschwand. Johannes wuchs so zweisprachig auf.

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    Heranwachsen

    Sein Verhältnis zu Gott endete vorläufig im Alter von 13 Jahren. Sein damaliger Religionslehrer Lerdon, ein cholerischer und augenrollender Hugenottenabkömmling, war ein engstirniger Fanatiker. Bei Johannes regten sich damals die ersten eigenständigen Gedanken um das Wohin, Woher und Wozu. Von der Thematik her schienen diese Fragen nur in den Religionsunterricht zu passen, wo er sie dann auch ganz ernsthaft und unschuldig stellte. Die "Antworten", ausweichend und gefühlsbeladen, liessen durchblicken, dass solche Fragen nur vom Teufel inspiriert sein könnten, und dass die durch sein Denken vorprogrammierte Endstation Hölle nur noch unter widerspruchlosem Befolgen der Gebote Gottes im allgemeinen, und der Lerdon'schen Instruktionen im besonderen abzuwenden wäre. Obwohl ihn die Hölle unbeeindruckt liess, hörte er doch mit dem Fragen auf, und zwar nicht nur dem Lehrer gegenüber, sondern auch innerlich. Er wurde einfach Atheist, eine Trotzreaktion auf das Erwürgen seiner ehrlichsten Fragen durch den (selbsternannten) Stellvertreter Gottes. Von da ab waren seine Scheuklappen gegenüber theologischen Einmischungen ebenso gross, wie die Lerdon'schen gegenüber juvenilen Inquisitoren. Es führte dazu, dass er in den folgenden Jahren die Lehre Jesu und Gott zunehmend für "ihre" Institution Kirche und deren Betreibung verantwortlich machte. Johannes leugnete das Gottwesen, weil er es im Verdacht hatte, ein Christ zu sein.

    Seine Eltern sorgten dafür, dass die Zeit seiner Jugend mit einer Vielfalt von Aktivitäten ausgefüllt war. Das fing ungefähr im zehnten Lebensjahr an, in dem er in einen Knabenchor rekrutiert wurde. Dies war mit zweimal Proben pro Woche und vielen Wochenendauftritten, sowie kürzeren und längeren Konzertfahrten und Freizeiten verbunden. Etwas später gesellte sich auf Wunsch der Eltern Akkordeonunterricht dazu, samt den notwendigen Übungsstunden zuhause und wöchentlicher Probe im Akkordeon-Orchester. Auf Anregung einer Mitschülerin des Akkordeonunterrichts trat Johannes in den Schwimmklub ein. Da sein Onkel ihm bereits Schwimmen beigebracht hatte, war er in der Anfängergruppe fehl am Platz. Nach dem Motto "Vogel friss oder stirb", steckte man ihn am zweiten Abend in die Wettkampfgruppe. Johannes starb - jedenfalls fast. Jeder Gruppe stand eine Bahn zur Verfügung, in der die Gruppe in Reihenfolge abnehmender Geschwindigkeit trainierte. Als Langsamster sprang Johannes als Letzter ins Wasser. Nach einer Aufgabe, sagen wir zehn Bahnen Kraul, kam er völlig zerschlagen an, während die Anderen gelangweilt am Rande standen und der Erste bereits wieder ins Wasser sprang, bevor Johannes richtig am Beckenrand angeschlagen hatte. Ihm fehlte sowohl Zeit, als auch Kraft, um zwischen den Aufgaben aus dem Wasser zu klettern, und nach drei weiteren Abenden war er so demoralisiert, dass er seine Mitgliedschaft vor dem Nachhausegehen kündigte.

    Die erste ausserschulische Aktivität, die ihn wirklich interessierte, begann in der Schule. Johannes war so um die dreizehn Jahre alt und der Stimmbruch hatte ihn vom Knabenchor befreit. Sein Sportlehrer organisierte während der grossen Pausen Handballspiele auf dem der Schule gegenüberliegenden Bolzplatz. Das lag ihm wesentlich besser als Fussball oder Schwimmen, und er machte schnelle Fortschritte. Der Vater, dem musikalische Weiterbildung wichtiger war, verbot ihm den Eintritt in einen Handballverein. In einer schulübergreifenden Leistungsgruppe und während der Pausen trainierte Johannes jedoch fleissig weiter. Sein Akkordeonlehrer erkannte am immer kräftiger werdenden Händedruck bei Begrüßung und Abschied bald, wo das Herz von Johannes lag. Nach einer Periode ernster Bemühung, ihn für das Akkordeon zurückzugewinnen, sprach er erst mit Johannes und dann mit dessen Vater. Kurz konnte Johannes endlich in einen Handballverein eintreten, und liess alle anderen ausserschulischen Aktivitäten ausser Handball sein.

    In der Schule selber gehörte er zum gesunden Mittelmass, wand sich ohne grösseren Aufwand durch die Klassen, wobei Sprachen seine schwachen und Naturwissenschaften seine starken Fächer waren. Oft machte er die Hausaufgaben für die zweite Stunde in der ersten, die für die dritte Stunde in der zweiten, usw.. Schule schwänzen gehörte nicht zu seinem Repertoir. Er ging fünfmal pro Woche zum Handballtraining. Punktspiele und Turniere füllten die meisten Wochenenden aus. Diesen Aktivitäten stand sein Vater mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn ein Teil seines Enthusiasmus dem schulischen Vorwärtskommen zu Gute gekommen wäre. Deshalb schlug er vor, dass Johannes die letzten Schuljahre auf einem Sportinternat verbringen sollte. Sie besuchten zwei Einrichtungen. Da jedoch beide kein nenneswertes Handballteam vorweisen konnten, weigerte Johannes sich mit an Panik grenzender Entschiedenheit. Erst vor kurzem sagte er mir, er sei auch heute noch, nach 30 Jahren seinem Vater extrem dankbar dafür, dass dieser ihn damals nicht ins Internat gezwungen hätte. Ähnlich war es mit der Kirche gewesen. Sein Vater selbst ging so gut wie nie zur Kirche. Er erklärte Johannes, dass er während des Konfirmandenunterrichts regelmässig zur Kirche gehen müsse. Er solle sich das Ganze für diesen Zeitraum gründlich ansehen. Es sei seine väterliche Pflicht, ihm diese Möglichkeit zu eröffnen, jedoch Johannes eigene Entscheidung, ob er die Kirchenbesuche nach der Konfirmation fortsetzen würde. Johannes akzeptierte und blieb der Kirche vom frühest möglichen Zeitpunkt fern.

    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Taijitu_polarity.PNG Seine erste ernsthafte Liebesbeziehung begann mit siebzehn, mit einer Mitschülerin der gleichen Klasse. Sie war nach eimem Jahr Schüleraustauch aus Kalifornien zurückgekehrt und hatte etwas Geheimnisvolles um sich, das sie von ihrer Reise mitgebracht hatte. Lebenserfahrung wäre wohl das richtige Wort gewesen, obwohl Johannes es damals nicht hätte benennen können. Diese in die Studentenzeit reichende Partnerschaft hatte auf ihn sicherlich einen guten Effekt, denn Josefine war strebsam und wusste was sie wollte.

    Johannes lernte im Laufe seines Lebens viele aussergewöhnliche Menschen kennen. Der Erste war sein Deutschlehrer in der Oberstufe, unter dessen Einfluss sich eine Reihe von geistigen Türen öffneten. Johannes wurde durch ihn darauf aufmerksam, dass er selber durchaus selbstständig denken konnte, vorausgesetzt er machte sich die dazu notwendige Mühe. Alle anderen Lehrer kamen ihm vor, als hätten sie eine grosse Menge von Daten im Kopf gespeichert, die nur lose zusammenhingen. Nicht so der Deutschlehrer. Bei ihm hatte Johannes den Eindruck, als sei alles, was er tat und sagte, irgendwie miteinander vernetzt. Es machte Sinn, obwohl ihm der Sinn selbst verborgen blieb.

    Im Handball gehörte Johannes mittlerweile zu den "grössten Hoffnungen" seines Jahrgangs, und wechselte für das letze Jugendjahr zum besten Team der Stadt. Am Ende des Jahres, sein nächster Wechsel zum besten Erwachsenenteam war bereits bekannt, wurde er darum gebeten, die letzten Spiele der Saison für ein Erwachsenenteam des alten Vereins zu bestreiten. Eines dieser Spiele war gegen ein Team des zukünftigen Vereins. Da er sportlich nicht zu bremsen war, wurde er unsportlich gebremst. Johannes wurde zweimal vom Feld getragen. Was er wirklich nicht verstand, waren die lauen Entscheidungen des Schiedsrichters. Statt der fälligen roten Karte, gab es einen Freiwurf und eine gelbe Karte. Der Schiedsrichter, den Johannes weder davor für unsympatisch gehalten hatte, noch danach für unsympathisch halten konnte, tolerierte ganz offensichtlich, was da vorging. Genauso, wie die eigenen Teamkameraden zwar insoweit parteiisch waren, als sie gewinnen wollten, aber trotzdem irgendwie mit denen sympathisierten, die Johannes regelwidrig auf dem Spielfeld zusammenschlugen. Er war zutiefst empört und vor allem einsam. Viele waren beschämt und irgendwie betroffen, aber für alle ausser Johannes schienen das Vorgefallene im Rahmen des zu Erwartenden gelegen zu liegen. Die Erbarmungslosigkeit dieses Erlebnisses prägte ihn zutiefst.

    Erst viele Jahre später verstand er durch Erleben ähnlicher Situationen aus dem Blickwinkel eines Älteren, dass dieses Spiel die nackte Realität des Generationenkonfliktes dargestellt hatte, in der sich die ältere Generation mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, legal oder illegal, gegen eine Machtübernahme durch die jüngere Generation wehrt. Als einziger "Junger" war Johannes ahnungslos in das offene Messer gerannt, dass alle Älteren deutlich gesehen hatten, und in das sie selbst niemals hineingelaufen wären.

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    Wehrdienst und Studium

    Nach dem Abitur ging Johannes direkt zur Bundeswehr. Auf sich allein gestellt wäre ihm Ersatzdienst zwar lieber gewesen, doch kam dies angesichts der Einstellung seines Vaters nicht in Frage. Durch handballerische Beziehungen war die Stationierung nur 50km vom Wohnort entfernt, so dass er nach der dreimonatigen Grundausbildung wieder am Handballtraining teilnehmen konnte. Der Bundeswehr verdankt Johannes seinen Führerschein. Ausserdem wurde ihm wenn auch unabsichtlich, doch dem Wort Wehrdienst getreu beigebracht, wie man sich wehrt.

    Seine Kompanie war eine kleine Spezialeinheit, in der über 50% der Mannschaft aus höheren Dienstgraden bestand. Körperliche Fitness war dort mehr angesehen als in anderen Einheiten. Eine Tafel der sportlichen Kompaniebestleistungen prangte in der Eingangshalle. Dies sollte ihm einen gewissen Status verschaffen, denn nach kurzer Zeit erschien sein Name in allen Rubriken ausser dem 5000m Lauf. Während des Spieleteils der Sportstunde wurde zwischen Handball und Fussball aufgeteilt. Die Handballgruppe wurde unter seiner Einwirkung, Johannes spielte zwar fair aber hart, immer kleiner. Als die übrig gebliebenen sich der Fussballgruppe anschlossen, der darauf bezogenen Spitzname von Johannes im Verein war Eisenfuss, wurde auf einmal wieder Handball gespielt. Daraufhin entschied sich Johannes immer für die Gruppe, die seine jeweils grössten Widersacher der Woche gewählt hatten, und verschaffte sich - völlig regelgerecht und fair - einen gewissen, rein körperlichen Respekt, der weit über die Sportstunde hinaus anhielt.

    Auf seiner Stube stand ein leeres Bett mit zugehörigem Spind. Der wurde von seinen Stubengenossen zweimal pro Woche mit Bier aufgefüllt und leergetrunken. Einer der Kameraden trat jeden morgen nach dem Weckruf an seinen Spind, öffnete das Essensfach, nahm eine Halbliterflasche Bier heraus und trank sie ohne abzusetzen aus. Um dieser Atmosphäre zu entgehen, fuhr Johannes nach Dienstschluss mit dem Zug heim und, da der erste Morgenzug zu spät in der Garnisonsstadt angekommen wäre, zwei Stunden später wieder zurück. Nachdem sein Vater sich dies eine Weile angeschaut hatte, fragte er nach dem Grund. Ein paar Tage später, vermutlich berührt durch die Motivation seines Sohnes, eröffnete sein Vater Johannes den Entschluss, ihm ein Auto zu schenken, vorausgesetzt Johannes würde für die Betriebskosten aufkommen. Johannes nahm das unerwartete Geschenk freudig an und konnte sich der Kasernenatmosphäre so erheblich besser entziehen.

    Nach der Bundeswehr erhielt er sofort einen Studienplatz für das Lehramt in Chemie und Sport. Chemie hatte er gewählt, weil er sich ausrechnete, dass ihm dieses Fach ihm eine Stelle sichern würde, und Sport, weil er sich dafür interessierte. Ähnlich der Bundeswehr schienen die wichtigen Dinge, die er während der Studienzeit lernte, nicht viel mit dem Lehrplan zu tun zu haben. Sein Hauptaugenmerk galt weiterhin dem Handball, wo er stetig aufstieg, und der ihn in die Lage versetzte, sein Leben und Studium ohne nennenswerte finanzielle Unterstützung von zuhause oder staatlicher Seite zu bestreiten.

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    Der Einschnitt

    Den Leistungshöhepunkt im Handball überschritt Johannes mit 23. In einem Punktspiel wurde ihm durch einen gezielten Faustschlag der Mittelhandknochen des rechten Ringfingers gebrochen. Der Bruch sollte unter lokaler Betäubung gerichtet werden. Die Betäubung misslang und man verabreichte ihm eine zusätzliche Vollnarkose, die wiederum etwas zu gut gelang. Sein Geist trennte sich vom Körper und schwebte im Luftzug der Klimaanlage unter der Zimmerdecke wie ein Luftballon in eine Ecke. Dabei blieb sein bewusstloser Körper immer im Blickfeld, den Johannes interessiert aber unbeteiligt betrachtete. Der Arzt trat heran und begann mit der Operation, in deren Verlauf Johannes in seiner Ecke unter der Zimmerdecke einen plötzlichen Ruck verspürte. Das nächste, an was er sich erinnerte, war der Chirurg, der an sein Bett herantrat, als er aus der Narkose aufwachte. "Sie haben mich operiert!" sagte Johannes. Darauf antwortete der Arzt: "Ja, das stimmt. Aber woher wissen Sie das? Wir haben uns nie zuvor gesehen."

    Johannes liess es dabei bewenden. Viele Jahre später erklärte er mir, dass dies ein entscheidender Wendepunkt in seinem Leben gewesen sei. Bis dahin hatte er sich auf ganz normalen Bahnen entwickelt, die auf die Laufbahn eines Lehrerehepaars mit Haus, Auto, Kindern und Hund zielten. Ich fragte ihn, ob es noch weitere, ähnlich dramatische Wendepunkte in seinem Leben gegeben hätte. Er zählte einen Unfall in Mexico, einen Unfall in Thailand und verschiedene andere Erlebnisse auf, auf die ich später zu sprechen kommen werde.

    Ein paar Monate noch der Operation, von der ihm eine Schraube verblieb, erwähnte einer seiner Teamkameraden, Ching, beiläufig in der Umkleidekabine, dass er im kommenden Sommer eine Weltreise machen werde. "Da würde ich aber gerne mitkommen!" rutschte es Johannes heraus, worauf Ching erwiderte "Von mir aus gerne, wir müssen nur meinen Partner fragen."

    Sie fuhren also zu dritt los, mit einem Spezialticket von PANAM in 80 Tagen um die Welt, standby mit dem Rucksack. Die Hauptstationen waren Kashmeer & Ladakh, Hongkong, Phillipinen, Hawai, San Francisco und New York. Die Erlebnisse dieser Reise füllten neben etlichen Fotoalben und Wänden vor allem seinen Kopf. Als Johannes nach Hause kam, hatte er das seltsame Gefühl, als stände seine Kaffetasse noch warm vom Tag seiner Abreise auf dem Tisch. Alles lud ihn ein, so übergangslos in sein vorheriges Leben zurückzuschlüpfen, als wäre nichts geschehen.

    Das versucht Johannes auch, beinahe krampfhaft. Vor allem nachdem er bemerkte, das allen, denen er von seinen Erlebnissen und Abenteuern erzählen wollte, nichts, aber auch gar nichts damit anfangen konnten oder wollten. Johannes hätte genausogut vom Mars zurückkehren können. Kein Foto, kein Souvenir, keine Worte konnten vermitteln, wie kalt der Wind durch die Bretter des Ziegenstalls knapp unter dem 5500m Zoji-La Pass in ihre geschlossenen Schlafsäcke fährt, wie scharf das in einem Shivatempel am Kashmeersee nur in Papierunterhosen gekleidet eingenommene Curry ist, welche Gefühle 24 stündige Beobachtung seitens der 3500 Bewohner einer kleinen, einsamen Fischerinsel zwischen Cebu und Bohol erweckt, wie klar das Wasser des Gebirgsflusses auf der Insel Mindoro ist, das sie nur mit Badehose und Taucherbrille bekleidet zwischen gigantischen Kieseln in die Ebene hinuntertrug, wie weich und dicht der tropische Regen ist, in dem sie vor dem Flugplatz von Manila auf offener Strasse duschen ohne gesehen zu werden, wie er im Urwald von Kawai völlig die Richtung verlierend in abgrundtiefer Panik mit der Machete um sich schlagend seine Wade aufschlitzt und dadurch wieder zu Vernunft kommt, wie die grandiose Schönheit des durch die untergehende Sonne gerötete Gran Canyon sie Hunger und Durst bis tief in die Nacht einfach vergessen lässt, wie sie vor dem Gewimmel von Manhatten in einer Wochendendhütte auf Long Island Zuflucht suchend die vergangenen drei Monate Revue passieren lassen, und wie vereinsamend seine Versuche sind, für diese unvergesslichen Erlebnisse auch nur oberflächliches Interesse zu erwecken.

    Kurz um, Johannes war verändert fürs Leben, während alles andere gleich geblieben zu sein schien. In diesen drei Monaten hatte er mehr gelernt als in den drei vorhergehenden Jahren zusammen. Da er weiter lernen wollte und die grosse, weite Welt nicht nach Deutschland bringen konnte, beschloss er, in der Zukunft sein Leben so zu gestalten, dass er jedes Jahr drei Monate für das zur Verfügung hatte, was er als wahre Bildung ansah. Johannes legte also alle Veranstaltungen an der Uni so, dass er in den Sommersemesterferien keine Prüfungen hatte. Ausserdem reduzierte er seine Ausgaben drastisch, ass und trank kaum noch in Gastwirtschaften, die er zuvor mit seinen Teamkameraden nach dem Training zu frequentieren pflegte. Nach einer Kostenaufstellung fand Johannes heraus, dass der Unterhalt seines Autos ihn drei Monate Arbeit pro Jahr kostete, ohne das davon Essen oder Miete bezahlt worden wäre. Eine Woche später fuhr er Fahrrad. Wiederholte Umzüge - wer zahlt schon gern drei Monate Miete, wenn er sich im Ausland aufhält - liessen seine Besitztümer auf ein Minimum zusammenschrumpfen. Irgendwann einmal, als er Kartons aus dem dritten Stock eines Hauses in den vierten Stock eines anderen schleppte, hatte er anhand der Staubschicht auf vielen Gegenständen bemerkt, dass diese vielgeschleppten Gegenstände seit dem letzten Umzug nicht angerührt worden waren. Sie wurden offensichtlich nicht gebraucht, also weg damit. Gesundschrumpfen hiess die Devise, die jeden folgenden Umzug erleichterte. Auch beschloss er niemals ein eigenes Haus zu besitzen.

    Sein Vater nahm ihn eines Tages auf die Seite und argumentierte, dass es viel logischer sei, erst die Ausbildung abzuschliessen, die Existenz zu sichern und nach der Pensionierung, wenn sowohl Geld als auch Zeit zur Verfügung stände, auf Reisen zu gehen. Glücklicherweise verließ sich Johannes auf sein Bauchgefühl statt auf die bestechende Logik seines Vaters. Der verstarb nur wenige Jahre später frühzeitig pensioniert an Krebs.

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    Weitere Reisen

    Auf seiner ersten Reise hatte sich die Dreiergruppe als problematisch herausgestellt - einer war immer in der Minderheit gewesen. Deshalb wollte Johannes diesmal zu zweit fahren und brachte folgenden Aushang am schwarzen Brett des Sportinstituts an: "Wer fährt mit nach Afrika?" Mit seinem gefundenen Reisepartner, einem gleichaltrigen Sportstudenten, durchquerte er Afrika von Tansania nach Kameroon und von dort über Togo durch die Sahara nach Tunis. Gleich zu Anfang bestiegen sie den Kilimandscharo. Die letzte Etappe des dreitägigen Aufstiegs begann früh morgens um vier von einer Hütte am Fuss des Kraterkegels. Als sie oben ankamen war es noch Nacht und ein eisiger Schneesturm begrenzte die Sicht auf wenige Meter. Auch der Sonnenaufgang eine halbe Stunde später brachte keine wesentliche Verbesserung, so dass sie völlig durchfroren abstiegen. Auf dem Rückweg begegneten die beiden nacheinander allen anderen Wanderer, die an diesem Tag aufstiegen und erheblich langsamer zu Fuss waren. Sie alle, ohne Ausnahme verbrachten einen wunderschönen klaren Vormittag mit unbegrenztem Panoramablick auf dem Gipfel, stiegen teilweise zum Kratersee ab, und kamen total begeistert am frühen nachmittag zurück. Das Johannes durch seine körperliche Fitness um einen der Glanzpunkte des touristischen Lebens gebracht wurde, hat er nie vergessen können. Er sollte auf dieser einzigartigen Reise trotz traumhaft schöner Wochen an Orten wie dem Ngorongorokrater, im Kongodschungel und der Sahara noch einiges auf unangenehme Weise lernen.

    Während man in Ostafrika mit Englisch gut durchkommt, benötigt man in Zentral- und Westafrika Französich, dessen weder Johannes noch sein Begleiter mächtig waren. Sie befanden sich jedoch die meiste Zeit in der vorzüglichen Gesellschaft von französischen Rucksackreisenden und waren gerade nur so lange alleine, wie Johannes brauchte, um sich vorzunehmen, nie wieder in ein Land zu fahren, in dem er sich nicht unterhalten kann. Die beiden Franzosen auf dem Kongodampfer von Kisanghani (Stanleyville) nach Lisala reisten mit 12 bzw. 14 Kilo Gepäck. Auf die Frage, was sie täten, wenn ihnen irgendetwas wichtiges fehle, antwortete Francois mit einem gut gelaunten Lächeln "Wir fragen einen Deutschen. Die haben immer alles dabei." Johannes hätte ihm zum Abschied fast sein Schweizer Messer geschenkt, weil es das einzige war, was Francois genug brauchte, um es weiter mit sich herumzuschleppen.

    Auf der Fahrt durch die Sahara lachte ihnen weiterhin das Glück in Form dreier Franzosen mit einem wüstentüchtigen Gefährt. Da den Franzosen so langsam das Geld ausging, hatten sie gerade wiederwillig ihren Philemon, so hiess das wunderschön bemalte Gefährt, in Richtung Heimat gedreht. Den Vorschlag mit einer deutschen Finanzspritze ihre Tour etwas zu verlängern und dafür die beiden Deutschen mitzunehmen, nahmen sie gerne an. Auf diese Weise sah Johannes Wüstengegenden, in die sonst nur Militärfahrzeuge vordringen. Er sass tagelang auf dem Dach des Fahrzeugs, während die Wüste unter ihm dahinrollte, wie es sonst nur der Ozean tut. Die gleichförmige Schönheit der Wüste versetzte ihn in einen eigenartigen Zustand zwischen Wachen und Träumen, in dem sein ganzes bisheriges Leben im Gleichmass mit den unzähligen Dünen an ihm vorbeizog. Johannes schaute einfach zu, sowohl der Wüste als auch seinem Lebenspanorama. Später schreibt er darüber:

    "Ich kann mich heute an keine einzige Einzelheit meiner Gedankengänge erinnern, obwohl sie eine tiefe Veränderung brachten. Ich glaube ich nehme mich und meine Probleme jetzt weniger wichtig. Denn ich sah in dieser Rückschau, dass vieles was ich angestrebt und erreicht hatte, sich als gar nicht so gut für mich herausstellte. Auch erwies sich vieles, was ich ängstlich zu vermeiden suchte, nach seinem Eintreffen als sehr gut für mich. Daraus folgere ich, dass es nicht möglich ist im voraus zu wissen, ob etwas gut oder schlecht für mich sein wird. Konsequenterweise beschloss ich, mich in Zukunft nicht mehr so aufzuregen, wenn etwas Gewolltes nicht eintrifft, oder etwas Ungewolltes auf meinem Weg liegt. Wer weiss, wozu es gut sein wird."

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    Sprung ins Blaue

    Im darauf folgenden Jahr verreiste Johannes mit seiner Freundin Helga, einer Sportstudentin. Sie fuhren per Autostop mit einigen Zwischenstationen nach Korsika. Diesmal fanden keine inneren Verwandlungen statt. Oder falls doch, fanden sie unbemerkt statt. Im Vergleich mit Asien oder Afrika, lag Korsika ja auch fast zu Hause. Helga verliess bald nach dem Korsikaurlaub Deutschland, um in San Francisco das für Englischstudenten obligatorische Auslandsjahr zu verbringen. Johannes nahm ihren Platz in einer gut funktionierenden 8-köpfigen WG des Stundentenwohnheims ein. Dort verbrachte er vom menschlichen Standpunkt gesehen das schönste Jahr an der Uni.

    In diesem Jahr erneuerte sich das Verhältnis von Johannes zu seiner Schwester. Sie war schwanger geworden und erlebte eine ähnliche innere Entfaltung, wie Johannes auf Grund seiner Reisen. Seit der Pubertät hatten sie kaum noch Gemeinsamkeiten gehabt und waren im Leben fast völlig getrennte Wege gegangen. Während der Schwangerschaft erneuerte sich jenes gegenseitige kindliche Verstehen, das unter Geschwistern keine Sprache braucht. Es war in der Pubertät verloren gegangen. Während alles Reden mit anderen Verwandten seine Vereinsamung nur betont hatte, brauchte er mit seiner Schwester kein Wort zu wechseln: "Verständnis zwischen uns ist unwichtig, denn es herrscht Toleranz."

    Mittlerweile reifte in Johannes der Entschluss zum Verlassen Deutschlands. Den letzen Anstoss dazu gab sein Schulpraktikum. Im Verlauf des Lehramtstudium musste jeder Student 6 Wochen an einer Schule "hospitieren", d.h. dem Unterricht seiner zukünftigen Unterrichtsfächer als Beobachter beiwohnen. Der Sportlehrer, dem Johannes über die Schulter schauen sollte, hatte am zweiten Tag einen Unfall. Der Direktor rief Johannes zu sich und fragte, ob er den Sportunterricht des verunglückten Lehrers übernehmen könne. Er bräuchte wegen der sich daraus ergebenden Mehrbelastung dann beim Chemieunterricht nicht zuzuschauen, und könne zum Abschluss eine Klasse auf die Skifreizeit begleiten. Johannes nahm begeistert an. Er hatte mit den Schülern fast keine Schwierigkeiten. Obwohl er nicht allzuviel Zeit im Lehrerzimmer verbrachte, erlebte er doch den Alltag an der Schule aus der Sicht eines Lehrers. Alle kämpften ständig um die Erfüllung der Lehrpläne, die so vollgestopft waren, dass nur den allererfahrensten Lehrern irgend ein Freiraum für das blieb, was Johannes als "echte" Erziehung ansah. "Meine Zeit an der Schule war sehr angenehm, aber es wurde trotzdem unwiderruflich klar, dass ich so nicht arbeiten will."

    Die folgenden Monate verbrachte er damit, taktisch Freunde und Verwandte auf seinen Studienabbruch im 13. Semester vorzubereiten. Alle Kommilitonen hielten ihn für mindesten leicht verrückt, denn er erfüllte mittlerweile alle Vorraussetzungen, um sich für das zweite Staatsexamen anzumelden.

    "Ich glaube nicht, dass ich irgend jemanden die volle Wahrheit meines Entschlusses eröffnete. Den meisten erklärte ich, dass ich für unbestimmte Zeit mein Studium unterbrechen würde. Ich hätte erwartet, dass man auf der Universität lerne, wie und warum sich das Universum bewege - schliesslich kommt Universität von Universum - jedoch sei ich in sämtlichen Studiumsveranstaltungen enttäuscht worden. Dagegen hätten die Erfahrungen auf meinen Reisen bewiesen, dass solches Wissen zu erlernen sei, wenn nicht an der Universität, dann doch in anderen Winkeln des Universums. Ich würde mich also mit dem Motiv des Studierens aufmachen, und erst zurückkommen, wenn ich gefunden hätte, was ich suche, oder wenn mir das Geld ausginge. Und ich schloss meine Ausführungen meist mit dem bekannten Zitat Goethes: Reisen bildet!"

    Innerlich hatte Johannes sich entschlossen, ins Blaue zu springen, wählte aber im Aussen eine Salamitaktik, eine scheibchenweise Annährung an das Sprungbrett. Der Abschied wurde ihm nicht leicht gemacht, als ob das Universum prüfen wollte, ob er es auch wirklich ernst mit seinem Entschluss meinte. Auf jeden Fall beschloss Johannes, erst einmal in San Francisco Station zu machen, dort seine Freundin Helga zu besuchen, und dann von dort über Zentral- und Südamerika nach Australien zu reisen.

    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Symbols-Venus-Mars-joined-together.png Nach einem unvergesslichen gemeinsamen Monat in San Francisco war es für Helga Zeit, nach Hause zu reisen. Johannes hatte mittlerweile eine Freiwilligentätigkeit in der Haight-Ashbury-Free-Clinic begonnen. Dort lernte er einen weisen, älteren Herrn kennen, den er später Ed nennen sollte. Eine von Johannnes Aufgaben war, den Patienten ein paar grundlegende Fragen zu stellen. Da Ed Schwierigkeiten mit dem Gehen hatte, kniete Johannes sich zum Ausfüllen des Fragebogens mit seinem Klemmbrett vor ihm auf den Boden. Sie kamen in ein angeregtes Gespräch und verabredeten sich später. Ed wurde sein Führer durch San Francisco, dass er wie seine Westentasche kannte. Sie besuchten Museen, Parks, Ausstellungen und spirituelle Gruppen. Jede Religion und Splittergruppe der Erde hat ein Zentrum in San Francisco. Ed brachte Johannes zu den Theosophisten, zu Satya Sai Baba, zu den anonymen Alkoholikern, zur Ramakrishna Mission, zur Red Swastika Society und anderen buddhistischen und taoistischen Organisationen Chinatowns, zu den Bahai's, zu einer vedischen Feuerzeremonie und auch zum Zen Center, wo Ole Nydahl einen Vortrag hielt. Ole Nydahl berührte im Rahmen der anschliessenden Initiationszeremonie das Scheitelchakra von Johannes, der es daraufhin zum ersten Mal in seinem Leben spürte.

    Einer der Mitarbeiter der Free Clinic fiel für einige Zeit aus, und der Leiter fragte Johannes, ob er seine Tätigkeit an der Klinik gegen geringe Bezahlung für einen Monat ganztägig ausdehnen wolle. Da er auch in der Klinik schlafen und duschen konnte, nahm Johannes das Angebot dankend an und verbrachte die dazwischenliegende Woche im Zen Center mit halbtägigen Arbeiten der Instandhaltung und in der Küche gegen frei Kost und Logis. Mittlerweile besuchte er mit Ed jede Woche eine Tarotklasse und nahm an den Sitzungen von Discovery Unlimited teil, einer Selbsthilfegruppe für psychologische Nachsorge ehemaliger Psychiatriepatienten, die Ed leitete. Auch bei allen zukünftigen Aufenthalten im Grossraum San Francisco, der "Bay-Area", blieben dies Eckpfeiler seiner Aktivitäten.

    Johannes war in die Welt gezogen, um das Universum kennenzulernen, und gleich beim ersten Etappenstop versorgte ihn die Natur mit einem Lehrer, der ihm vieles beibrachte ohne das Johannes es bemerkte. Ed hatte etwas mit seinem ehemaligen Deutschlehrer gemeinsam. Auch bei ihm war alles, was er tat und sagte irgendwie geheimnisvoll miteinander verwoben. Wenn er Johannes einen Gedanken nahebringen wollte, so fand er immer einen Weg, es für ihn schmackhaft zu machen. Zum Beispiel hielt Johannes sich damals für einen Atheisten, und war stolz darauf, dass er einmal eine Abordnung der Zeugen Jehovas durch Diskussionen derartig zermürbt hatte, dass sie ihn verliessen, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen.

    Ed, da in punkto Gott nichts zu machen war, bekehrte Johannes zuerst einmal zum non-Theismus - "Ob Gott existiert oder nicht, ist für die Lösung menschlicher Probleme nicht relevant." - und freundete ihn mit dessen prominentestem Vertreter, dem Buddhismus an. Danach erläuterte er, nicht ohne Literaturbeweise, dass Jesus während seiner indischen Wanderjahre sehr viel vom Buddhismus ins Neue Testament übernommen habe, und das er gar nichts dafür könne, dass die katholische Kirche aus machtstrategischen Gründen in einer Reihe von Konzilen all jene Doktrinen aus der Bibel entfernt habe, die den Menschen zum Nachdenken und zum Zweifel an der kirchlichen Allmacht anregen könnten. Wenn sich Katholiken und Evangelen in Belfast beschössen, dann sei das kein göttliches Problem, sondern menschliches Versagen.

    Nach einem Besuch bei den Gnostikern und einer kleinen schwarzen, gospelsingenden Gemeinde söhnte Johannes sich gerne mit Jesus und Gott aus, obwohl das zunächst keinerlei Einfluss auf seine Einstellung gegenüber der Institution "Kirche" hatte. Die Lerdon'schen Scheuklappen mit ihrer innerlichen Beschneidung der eigenen Gedanken waren nach über zehn Jahren endlich gefallen. Fragen und eigenständiges Denken waren jetzt nicht nur erlaubt, sondern willkommen, ja geradzu gefordert. Wenn Johannes eine Frage stellen konnte, deren Antwort Ed schwerfiel, so freute Ed sich darüber und lobte Johannes. Danach suchten sie die Antwort gemeinsam, und erst nachdem Johannes sich eine eigene Meinung gebildet hatte, teilte Ed ihm seine mit. Oft brachte Ed Bücher, Fotokopien, Zeitungsartikel, etc. mit, um eine Frage von verschiedenen Gesichtspunkten zu beleuchten, oder sie besuchten Bibliotheken und befragten Experten.

    Einige wenige Male, wenn Johannes etwas besonders "Schlaues" gesagt hatte, schloss Ed für einen Moment die Augen. Und wenn er sie dann wieder öffnete, erstrahlten sie in einem wunderbaren inneren Glanz. Vermutlich bedankte Ed sich bei seinem Schöpfer, entweder weil Johannes wirklich einen von ihm unbedachten Aspekt beleuchtet hatte, oder weil seinem Kommentar zu entnehmen gewesen war, dass sich eine weitere Tür innerhalb der Gedankenwelt von Johannes geöffnet hatte. Der Monat in der Free Clinic ging so schnell vorbei, und sowohl Ed als auch Johannes war es klar, dass die Zeit reif für die nächste Etappe war, den eigentlichen Sprung ins Blaue.

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    Leben und Tod

    Auf der mexikanischen Seite der Grenze hörte das Englisch schlagartig auf, und Johannes war von einem Moment zum anderen sprachlich isoliert. Da er nichts verstand und niemand da war, mit dem er reden konnte, war seine Isolation vollständig. Johannes hatte sich damals, während er alleine tagelang auf dem Dach ihres die Sahara durchquerenden Fahrzeuges sass, eingebildet zu wissen, was Einsamkeit bedeutet. Er wurde jetzt eines Besseren belehrt. Der einzige Passagier, der ein paar Brocken Englisch sprach, ein junger Mann seines Alters, war so offensichtlich voller unlauterer Absichten, dass seine Gesellschaft schlimmer als keine war. Johannes wurde immer misstrauischer und daher immer missmutiger und verschlossener. Das einzige, was ihn vor der Umkehr bewahrte, war die Gewissheit, dass er nie wieder in einen Spiegel würde blicken können, ohne in die Augen eines geschlagenen Mannes zu sehen. Johannes beschloss, mit der Bahn über Mexico City bis Oaxaca zu fahren, und auf dem dortigen Campingplatz sein Zelt aufzuschlagen, und mindestens zwei Wochen lang zu versuchen, mit der Situation fertig zu werden. Wenn ihm dann noch der Sinn nach Umkehr stände, würde er es ruhigen Gewissens tun können.

    Der Zug fuhr mit offenen Fenstern von Dampflokomotiven gezogen entlang der Pazifikküste Richtung Süden, um dann schliesslich nach fast 1500 km Richtung Osten ins Hochland abzubiegen. Das hatte schon drei Tage angedauert, als eine indianische Familie mit zwei Kindern ihm gegenüber Platz nahm. Die Kinder amüsierten sich köstlich und machten sich überhaupt nichts aus der Sprachbarriere. Sie lachten zusammen mit Johannes und sie tauschten gegenseitig Probierhäppchen ihres Essens aus. Gelegentlich nickten die Kinder gewinnend den beiden Eltern zu, auf dass sie ihnen den Spass nicht verdürben. Als die Familie schliesslich ausstieg, war von Johannes′ Depression nicht mehr viel übrig. Die hatte die Unbekümmertheit der lachenden Kinder nicht vertragen können und war unbemerkt aus dem Fenster entwichen. Da sein eigenes Gemüt jetzt viel sonniger war, erschienen ihm die Leute auch viel aufgeheiterter. Er bemerkte, dass ihn viele verstohlen anblickten und lächelten. Als Johannes ungefähr einen halben Tag später auf dem Bahnhof in Mexico City in einen Spiegel sah, wurde ihm der Grund des vielen Lächelns klar. Er sah aus wie der Chefheizer. Fünf Tage im offenen Zug gleich hinter der Lok hatten seinem Gesicht die Farbe eines Bergmann im Kohleabbau verliehen. Seife hatte keinen merklichen Effekt auf die Rußschicht, so dass Johannes ihr mit Waschmittel zu Leibe rückte.

    Nach einem weiteren Tag kam er schliesslich in Oaxaca an, schlug sein Zelt auf und entwarf eine umfassende, aber simple Beschäftigungstherapie für die nächsten Tage: Morgens nach dem Frühstück Aufbruch zu einer der vielen historischen Sehenswürdigkeiten und Rückkehr nach Sonnenuntergang. Die meiste Zeit verbrachte Johannes auf einer der beiden Pyramiden von Monte Alban sitzend, was irgend etwas mit den Wochen auf dem Autodach in der Wüste gemeinsm hatte. Er blickte wieder auf sein vorüber ziehendes Leben. Doch diesmal sah es ganz anders aus. Und doch war es ein und dasselbe Leben, keine zwei. Wenn sich das Leben nicht verändert hatte, die beiden inzwischen dazu gekommenen Jahre konnten den Unterschied nicht erklären, dann blieb nur ein Schluss übrig: Johannes musste sich verändert haben, oder vielmehr die Art und Weise wie er auf sein Leben schaute, hatte sich geändert. Er beschloss ein Tagebuch zu führen, in der Hoffnung, diese Veränderungen in Zukunft festhalten zu können.

    Jeden Abend nach Sonnenuntergang kam ein kleiner Lastwagen auf den Campingplatz, bald darauf leuchtete ein Feuer auf, und allerlei von Lachen und Rufen begleitete Geräusche drangen durch die Nacht. Da einer der Autoinsassen weiss aussah, fand Johannes eines Abends den Mut, hinüber zu gehen, um sich das ganze anzusehen. Es waren drei. Henry, ein Amerikaner, dessen mexikanische Freundin Rosa und ihr Bruder Jerardo. Nach kurzer Begrüssung sagte Henry einfach: "Hey, wenn Du schon hier bist, warum hilfst Du uns nicht. Wir können uns bei der Arbeit weiter unterhalten."

    Henry betrieb einen Grosshandel für mexikanische Folkart in San Francisco (!) und war auf einer Einkaufstour durch Mexico, bei der ihm Rosa und Jerardo halfen. Ab sofort war Johannes mit von der Partie und verbrachte die Tage in den verschiedensten Indianerdörfern der Umgebung, in denen Henry und Rosa wohl bekannt waren. Sie sichteten, sortierten und verpackten Töpferwaren, Teppiche und Holzschnitzereien, während Henry mit endlosen Palavern, in denen sich Familiendramen und Preisfeilscherei unzertrennbar vermischten, die Unterschiede zwischen dem, was er bestellt hatte, und dem, was geliefert wurde, besprach und neue Bestellungen aufgab. Als arbeitendes, obwohl stummes Teammitglied erhielt Johannes seinen Teil an allen Speisen und Getränken, mit denen die Geschäftsabschlüsse besiegelt wurden. Er sah, fühlte und schmeckte an einem Tag mehr vom lebenden Mexico als in den gesamten zwei vorhergenden Wochen.

    Abends, auf dem Campingplatz packten sie die Tagesbeute unter dem lebhaften Austausch ihrer Lebensgeschichten um. Sowohl Rosa als auch Jerardo sprachen fliessend Englisch. Auf diese Weise zogen etwa zwei Wochen ins Land. Nachdem Johannes herzlichst sowohl in das Heim von Rosa und Jerardo, als auch in die Bleibe Henrys in San Francisco bzw. Oakland eingeladen worden war, fragte ihn Henry, ob er zum Dank für die erteilte Hilfe nicht etwas für Johannes tun könne. Der bat ihn darum, ihn für ein paar Wochen bei einer mexikanischen Indianerfamilie in einem Dorf unterzubringen. Auf diese Weise kam Johannes nach Teotitlan del Valle, einem Dorf von Teppichwebern, in das Haus von Uvenal Mendoza, der leidlich Spanisch sprach, während die übrige Famile sich nur in Zapoteko unterhielt.

    Es gab weder fliessendes Wasser noch eine Toilette. Gebadet wurde samstags. Der einzige Brunnen war ungefähr dreihundert Meter vom Haus entfernt. Johannes schlief in dem zur Nordseite offenen Verschlag, der die Webstühle beherbergte, auf denen nachts Hühner und Truthähne sassen. Seine allmorgendliche erste Handlung, noch vor dem dämmerungsgeschützten Spatengang, war die geflissentliche Ermordung aller Flöhe, die in der Nacht ihr Federvieh in Richtung seines Schlafsackes verlassen hatten.

    Das mit der fehlenden gemeinsamen Sprache war nicht so schlimm, da ein Grossteil der Kommunikation sowieso lebhaft von Händen begleitet und durch Mimik unterstützt wurde. Nach einigen Tagen fand sich dann auch eine Tätigkeit für Johannes, die der Familie nützlich sein würde. Für jedes Teppichmuster brauchten Sie eine Vorlage in Originalgrösse des Teppichs. Das Muster wurde sozusagen von der Vorlage auf die Bespannung des Webstuhls durchgepaust. Also zeigte Uvenal Johannes die Bilder oder Fotos von Mustern, die er zukünftig gerne als Teppichmotive verwenden würde, und zeigte ihm das gewünschte Format. Johannes vergrösserte dann diese Motive, die von Picasso über Holzschnitte von Escher bis zu Navaho Sandfiguren reichten, mit Hilfe eines Rasters.

    Wegen bevorstehender Familienfeierlichkeiten, einer Geburt mit dazu gehöriger Hochzeit, herrschte ein erhöhter Bedarf an Bargeld. Deshalb begab sich Uvenal mit einigen seiner vier nahezu erwachsenen Kinder nach Oaxaca, um Touristen seine Teppiche anzubieten. Da er Schwierigkeiten mit der Verständigung hatte, schlug er Johannes vor mitzukommen. Er spräche schliesslich fliessend Englisch und Deutsch und ein paar Brocken Französich. Wie es das Schicksal wollte, fiel Johannes einem Polizisten in Zivil in die Hände, der ihn wegen illegalem Arbeiten festnahm. Dabei hatte er doch nur den Teppichwebern helfen wollen. Das spielte keine Rolle. Die Situation eignete sich dazu, etwas Geld zu erpressen und wurde gnadenlos ausgenutzt. Johannes kochte vor Wut und Scham für zwei, drei Tage in der Gemeinschaftszelle. Uvenal brachte ihm ein gigantisches Fresspaket mit einem gebackenen Hähnchen, normalerweise ein Festtagsessen für die ganze Familie, und benachrichtigte einen Freund von Henry. Der verhandelte mit der Polizei über den Preis der Entlassung von Johannes.

    In der folgenden Woche wurde Johannes eines Morgens vor Sonnenaufgang geweckt. Sie gingen zu dritt mit Plastiktüten bewaffnet in ein Maisfeld, um eine zapotekische Spezialität zu fangen: "Chappolines" oder Grashüpfer, in diesem Fall Maishüpfer. In der morgendlichen Kühle können sie nur einmal springen, denn sie sind als wechselwarme Tiere für den nächsten Sprung auf die vorhergehende Erwärmung durch die Sonne angewiesen. Man trampelt also mit viel Lärm im Feld herum, schaut, wo die Hüpfer landen und sammelt sie in eine Plastiktüte ein. Wenn es zu dunkel ist, sieht man nicht wo die Chappolines landen, mit zunehmender Helligkeit (Wärme) werden sie immer munterer. Eine halbe Stunde nachdem die ersten Strahlen auf das Feld gefallen sind, hat man gegen die aufgewärmten Hüpfer keine Chance mehr.

    Als sie zur Hütte zurückkamen, gab es einen Mendoza mehr auf der Welt. Die Gattin des ältesten Sohnes hatte die Zeit von Johannes sorgfältig geplanten Abwesenheit dazu benutzt, einen Sohn zu gebären. Ein paar Tage später nahm er unter Tränen und Lachen, die bei diesen Menschen immer dicht zusammen liegen, Abschied, um in Morelia, Michoacan die Familie von Rosa und Jerardo Blum Perrez zu besuchen.

    Als Johannes eines Vormittags ankam, waren nur die Haushaltshilfe und die Grossmutter zu Hause. Um die Mittagszeit nahm ihn jemand zur Zimmermannswerkstatt der Familie mit. Und weil er schon mal da war, packte Johannes gleich mit an.

    Don Lorenzo Blum, das Familienoberhaupt, Amerikaner deutscher Abstammung, unterbrach sein Studium, um in einer ländlichen Gemeinschaft die Ideale des Heiligen Franziskus von Assissi - Armut, Keuschheit und Barmherzigkeit - zu verwirklichen. Das Projekt nahm im Laufe der Zeit durch gut gemeinte Geschenke dankbarer Nachbarn eine ungewollte Richtung, und die jungen Männer beschlossen, eine Pilgerfahrt nach Mexico zu machen. Auf der Wallfahrt lernte Lorenzo die mexikanische Indianerin Maria Perrez kennen. Sie heirateten, Lorenzo wurde Zimmermann, obwohl er nicht Josef hiess. Die sieben Kinder wuchsen in einer Atmosphäre auf, die Johannes schon nach einem Monat den immer noch gehegten Groll gegen christliche Lehren vergessen liess. Er wurde einfach zum achten Kind, und mit der gleichen selbstverständlichen Mühelosigkeit in die Aktivitäten einbezogen, die vor ihm schon Henry erfahren hatte. Alle Blums waren tief religiös aber nicht dogmatisch. Ausser Mutter Maria sprachen alle fliessend Englisch. Altersmässig war Johannes das drittjüngste unter den im Haus verbliebenen drei Kindern.

    Guadalupe, eine in den USA lebende Tochter, kam mit ihren drei Kindern während der Weihnachtsferien zu Besuch. An den Wochenenden unternahmen alle drei Generationen zusammen Ausflüge in die Umgebung. Nur die Grossmutter blieb zuhause, aus Altersgründen. Nach sechs Wochen fuhr Lupe mit ihren Kindern zurück in die Staaten und nahm Johannes bis San Antonio, Texas mit. Von dort trampte er zu Ed, Henry und Rosa nach San Francisco.

    Henry und Rosa empfingen ihn mit offenen Armen und der üblichen Menge Arbeit. Johannes stürzte sich begeistert in beides. Tagsüber besuchten sie oft verschiedene in der Bay-area verstreute Kunden von Henry. Ausserdem galt es, Ausstellungen und einen Ausverkauf vorzubereiten. Henrys "warehause" lag auf der San Francisco - Seite der Bay, ganz in der Nähe der "fisherman′s wharf", während er auf der anderen Seite der Bay, in Oakland wohnte.

    Abends traf sich Johannes meistens mit Ed, dem es wieder mühelos gelang, ihm bisher unbekannte Seiten San Franciscos und seines Geistes zu entfalten. Nur die Tarotklasse und die Discovery unlimited - Treffen blieben gleich. Sie besuchten den Rosenkreuzertempel mit Museum in San Jose und versuchten, natürlich vergeblich, Zugang zur grossen Loge in Oakland zu erhalten. Ed brachte Johannes die Grundzüge der Astrologie bei, und zeigte ihm, wie man mit Hilfe des I-Chings Briefe schreibt. Durch praktische Demonstrationen gab Ed Johannes zu verstehen, dass solche Systeme nicht dazu geschaffen waren, Lotteriegewinne zu optimieren oder anhand geheimnisvoller Symbolverknüpfungen den Leuten gegen Geld das vorherzusagen, was sie gerne hören wollen.

    In Ed′s Hand wurden Astrologie, Tarot und I-Ching zu Instrumenten, mit denen man die Natur nach ihrer Meinung fragen und um alternative Handlungsvorschläge bitten konnte, oder mit denen man ein Problem vom kosmischen statt vom kleinkariert individuellen Standpunkt aus betrachten konnte. Johannes verstand, dass es ein Missbrauch wäre, wenn es eine Entscheidung z.B. dem I-Ching überlassen würde, aber auch, dass es eine Torheit wäre, wichtige Entscheidungen zu treffen, ohne sich mit seiner Hilfe die verschiedenen kosmischen Entwicklungsmöglichkeiten zu vergegenwärtigen. Ausserdem macht Ed Johannes mit den morphogenetischen Feldern Rupert Sheldrakes bekannt, mit Sir Fred Hoyle's Theorie der interstellaren Genübertragung durch Mikroorganismen, und mit Abraham Maslov's Konzept der "peak-experiences".

    Ed musste sich auf jedes ihrer Treffen sorgfältig vorbereiten. Neben Diabetes und verschiedenen anderen Kleinigkeiten, litt er unter tetra-narkolepsie (eine Art Schlafanfälle). Er musste seine Wachperioden durch entsprechende Medikation sorgfältig voraus planen und gegebenenfalls nachbehandeln. Je mehr Johannes davon erfuhr, um so mehr versuchte er, darauf Rücksicht zu nehmen. Durch kurze Nickerchen konnte sich Ed erstaunlich erholen. Wenn es soweit war, suchten sie einen bequemen Ort aus und Johannes hielt 15-20 Minuten Wache, denn in dieser Zeit war Ed vollkommen wehrlos. Auf diese Weise verflogen etliche Monate.

    Eines Tages erhielt Johannes einen Anruf aus Mexico. Er solle sofort zuhause anrufen, denn es sei ein Unglück geschehen. Das Telefongespräch war kurz, denn es verschlug Johannes die Sprache. Seine Mutter hatte Selbstmord begangen. "Ich komme so schnell wie möglich.", sagte er noch. Drei Tage später sass Johannes im Flugzeug nach Frankfurt und traf kurz vor den vom Friedhof zurückkehrenden Trauergästen zuhause ein.

    Bis jetzt habe ich seine Mutter kaum erwähnt. Sein Verhältnis zu ihr war erheblich herzlicher als zu seinem Vater. Doch ihre Art war so unauffällig, dass sich über ihr äusseres Leben nicht viel berichten lässt. Bei der Abreise hatte sie Johannes ganz heftig geküsst, auf den Mund, eher wie einen Liebhaber, und er war ganz verschreckt. Nun verstand Johannes, dass sie damals schon mit einer Vorahnung von ihm Abschied genommen hatte. Einmal sagte sie "Ich würde Dich gern einmal auf einer Deiner Reisen begleiten." Johannes war ganz erstaunt gewesen, denn er fühlte genau, dass sie es ernst meinte. Auf der anderen Seite wusste sie so gut wie Johannes, dass seine Reiseangewohnheiten für sie viel zu strapziös waren. Sie fügte erklärend hinzu: "Ich würde Dich gerne verstehen. Und um Dich zu verstehen, müsste ich Dich auf einer deiner Reisen begleiten. Ich weiss, dass es nicht geht."

    Bei seinem Vater war vor einigen Monaten Darmkrebs festgestellt worden. Als seine Mutter gefühlsmässig verstand, dass ihr Mann langsam sterben würde, beschloss sie, ihm voraus zu gehen. Johannes zog den Schluss, dass seine Mutter nicht alleine leben, aber gleichzeitig weder ihm noch seiner Schwester zur Last fallen wollte. Die Rückkehr ins elterliche Dorf wäre für sie zwar möglich, aber unvorstellbar gewesen.

    Während der Leichenfeier weigerte sich Johannes, die vorgeschriebenen Tränen zu vergiessen. Im Gegenteil trug er so weit möglich pietätvoll zur Aufheiterung der düsteren Atmosphäre bei. Im Grunde waren ihm auch alle dafür dankbar, obwohl er so manches Fragezeichen in den Mienen lass. Er beschloss zu Hause zu bleiben, und seinen Vater zu pflegen. Dabei half ihm des Vaters Schwester, die einen fast identischen Tumor noch 20 Jahre überlebte. Aber der Lebenswille seines Vaters war gebrochen. "Der Mond ist untergegangen und die Sonne ist im Begriff unterzugehen." schrieb Ed, und Johannes schloss seinen Frieden mit dem, was er bereits gefühlsmässig verstanden hatte.

    Als es soweit war, sah er auch seinen Vater nicht sterben. Johannes war für ein paar Tage weg gefahren und nach einem alarmierenden Telefonanruf schnell zurückgekehrt. Sein zwischenzeitlich ins Krankenhaus eingelieferter Vater verstarb in der Nacht von Johannes Rückkehr an Darmverschluss.

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    Ahnenenergie - ein Zeitsprung

    Genau 14 Jahre später begann eine Erfahrung, die einerseits Johannes seinem Vater sehr nahe brachte, und andererseits den Anfang der Erlösung ihrer gestressten Beziehung brachte. Johannes war inzwischen aus seiner Yoga - Organisation heraus katapultiert worden und frisch verheiratet. Beides - das Katapultieren und das Heiraten - waren ursächlich miteinander verknüpft, aber das ist eine andere Geschichte. Er war nach 14 Jahren ausser-europäischem Ausland mit DM 200,- in der Tasche nach Deutschland zurückgekehrt, um hier erneut Fuss zu fassen, und für seine taiwanesische Frau ein Heim zu schaffen. Daraus wurde erstmal ein Ein-Mann-Ashram. Er hatte sich zwar den bis zum Bauchnabel herunter hängenden Bart schon vor seiner Ankunft in Deutschland abgeschnitten, doch liess sich das Gedankengut, das den Bart hervorgebracht hatte, nicht so einfach abschneiden. Vor allem war nichts da, was die dadurch entstehende Lücke hätte füllen können.

    In seiner Rolle als Yogalehrer und Mönch war Johannes mit der Realität nur indirekt in Berührung gekommen. Immer war er von Organisationsmitgliedern umgeben, die für ihn kochten, übersetzten, und auch in allen anderen Aspekten des Lebens eine effektive Filterschicht zur ausser - organisatorischen Wirklichkeit gebildet hatten. Johannes hatte im Zentrum einer Monokultur (gut) gelebt und fand sich nun plötzlich im Dschungel wieder. Seine erste Reaktion war, den gewohnten Filter nachzubauen. Er stand also wie immer um 4:45 auf, um zu singen, zu meditieren, und Yogaübungen zu machen. Er meditierte vor dem Mittag- und Abendessen, und vor dem Schlafengehen jeweils mindestens eine halbe Stunde. Er bereitete alle Mahlzeiten yoga - regelgerecht selber zu. Er liess sich weiterhin (ausser von seiner Frau) nur äussert ungern berühren, und folgte auch allen sonstigen ehemaligen Ordensregeln so gut es ging. Die Isolierung war komplett.

    Johannes war und blieb ein Exot, der grüne Hund mit lila Tupfen und gelben Streifen. Was immer er tat, dachte, fühlte, konnte er zwar flüssig ausdrücken, brachte aber damit die Zuhörer genauso sicher zum Einschlafen, wie er es zwanzig Jahre zuvor mit den Diavorträgen seiner ersten Reise getan hatte.

    Die Situation liess sich am ehesten mit einem Dampfdruck-Kochtopf ohne Ventil vergleichen, ein geschlossenes System, in dem ständig der Druck steigt. Johannes war so erstklassig im Deckel festhalten, dass er nicht einmal seine eigene Anstrengung bemerkte. Für 12 Jahre ausschliesslich die Ideale eines anderen - seines Baba - zu leben, war ein hervoragendes Training für die Unterdrückung innerer Spannungen und Impulse gewesen. Es ging ihm daher auch nie der Deckel hoch, jedenfalls nicht sein eigener. Aber seine Frau hatte kein solches Training genossen, war 14 Jahre jünger und entsprechend neugierig auf die Vielfalt des Lebens. Sie wollte deshalb auch jetzt kein solches Training geniessen, schon gar nicht mit ihrem Mann als Trainer. Nach zwei Jahren trennten sich ihre Wege.

    Irgendwann in dieser Periode war Johannes eine Parallele mit dem Leben seines Vaters aufgefallen. Den hatten sie von der Schulbank direkt in den beginnenden Krieg geschickt, an dessen Ende er an seinem Heimathaus vorbei in eine 7-jährige russische Gefangenschaft geführt wurde. Als er zurückkam, konnte er mit niemandem über die Erlebnisse während dieser 14 Jahre reden, es sei denn, er kannte sein Gegenüber persönlich aus dieser Zeit. Johannes begann zu verstehen, dass Kommunikation zwei Seiten hat, und schrieb:

    "Es reicht nicht, das mitzuteilen, was mich berührt. Wenn die Zuhörer das Gehörte nicht mit ihrem eigenen Erleben verknüpfen können, werden sie immer einschlafen, oder fortgehen müssen und nicht wiederkommen. Es ist meine Pflicht, das, was ich gerne erzählen möchte, so interessant zu erzählen, dass meine Zuhörer etwas damit anfangen können."

    Werner Heissenberg hat das bezüglich wissenschaftlicher Forschung mal wie folgt ausgedrückt: Wenn du das, was du bis jetzt herausgefunden hast, nicht in einfachen und verständlichen Worten ausdrücken kannst, dann ist alles, was du bis jetzt herausgefunden hast, für die Katz'. Johannes nahm sich vor, Kommunikation mit nicht gleichgesinnten zu erlernen. Während seiner Zeit als Yogalehrer war er fast nur mit gleich Gesinnten in Berührung gekommen, und wenn einmal nicht, waren diese Begegnungen kurz und ohne Konsequenzen gewesen. Jetzt war die umgekehrte Situation eingetreten. Er traf fast keine gleichgesinnten mehr, und wenn, dann waren diese Begegnungen kurz und ohne Konsequenzen.

    Doch nun zurück zum chronologischen Ablauf.

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    Zweiter Anlauf

    Nach der sterbebedingten Haushaltsauflösung der elterlichen Wohnung nahm Johannes das Angebot eines Pariser Handballteams an. Sein in Afrika gefasster Entschluss Französisch zu lernen trug dazu nicht unwesentlich bei. Der Club finanzierte seinen Sprachkurs, versorgte ihn mit einem Zimmer und der Gelegenheit, ein paar Franc als Deutsch-Nachhilfelehrer zu verdienen. Der Sprachkurs nahm den halben Tag ein, der Handball drei Abende und das meiste vom Wochenende. Die übrige Zeit verbrachte Johannes in Museen, Konzerten, Ausstellungen und Bibliotheken.

    Er führte regelmässige Briefkonversation mit Ed mittels Astrologie und I-Ching. In der Pariser Zeit führte Johannes, wenn auch unregelmässig, Tagebuch, vor allem deshalb, weil er sich auf einmal an seine Träume erinnern konnte. Er hielt sie oft mitten in der Nacht schriftlich fest, um dann weiterzuschlafen. Für eine Zeit lang liess Johannes sogar in regelmässigen Abständen den Wecker klingeln, um eventuell stattgefundene Träume aufzeichnen zu können. Es kam nicht viel dabei heraus. An die wichtigen Träume konnte er sich sowieso erinnern. Zu deren Interpretation zog Johannes die gesammelten Werke C.G. Jungs heran.

    Das wichtigste Erlebnis hatte allerdings mit der ganzen Theorie wenig zu tun. Wenn Menschen ihre körperliche Hülle verlieren, heisst das noch lange nicht, dass sie nicht mehr existieren. In einem wiederkehrenden, äusserst realistischen Traum verliess ein Stück Schleim den After seines Vaters und bewegte sich auf den Mund von Johannes zu. Er wachte dann an diesem Punkt immer schweissgebadet und Würgreiz geschüttelt auf. Der Traum wiederholte sich immer wieder und wurde schliesslich sogar zur Wachvision während des Tages.

    Im Versuch die Botschaft zu entschlüsseln, begann Johannes mit Bleistift und Radiergummi nach einer Fotovorlage ein kleines 10x10 cm grosses Porträt seines Vaters zu zeichnen. Danach zeichnete er ein ebenso grosses Selbstporträt. Ihm fielen dadurch eine ganze Reihe körperlicher und geistiger Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten mit seinem Vater auf. Er kam zu dem unbequemen Schluss, dass das Stückchen Schleim gar nicht ein Produkt seines Vater war, sondern diejenigen von Johannes eigenen Eigenschaften, die er an sich selbst nicht mochte. Da es unbequem gewesen war, diese Schwächen einzugestehen, hatte er es vorgezogen, sie - teilweise vielleicht mit Grund - in seinem Vater zu sehen und sie dort zu bekämpfen.

    Das ersparte Johannes die sonst notwendige Änderung seines eigenen Charakters. Jetzt, nach dem körperlichen Rückzug, wollte sein Vater diese Fremdlast nicht mitnehmen. Johannes würde den Schleimklumpen schlucken (reintegrieren) müssen, um damit seine Persönlichkeit zu vervollständigen. Ein unappetitlicher Gedanke, aber zwingend. Also setze sich Johannes eines Tages in sein Kämmerlein, schloss die Augen und schluckte die abscheuliche Seite seines Daseins. Die Vision kehrte nicht mehr wieder, ein bisher ungekannter innerer Frieden breitete sich in Johannes aus, und er begann ein neues Selbstporträt in Lebensgrösse. Falls Johannes jemals ein Kunstwerk geschaffen hat, war es dieses. Nicht nur sah es seinem Spiegelbild verblüffend ähnlich, wie ein lebensgrosses Schwarzweissfoto, sondern zeigte das, was jemand mit dem Kommentar "Das ist der Johannes in zehn Jahren!" ausdrückte.

    Nach einem dreiviertel Jahr war die Handballsaison zu Ende, Johannes sprach für seinen Bedarf fliessend genug französich. Er benutze eine Einladung Jerardos zu dessen Hochzeit als Vorwand, seine durch das Hinübergehen seiner Eltern unterbrochenen Reisepläne dort fortzusetzen, wo sie unterbrochen worden waren. Johannes buchte den billigsten Flug mit Aeroflot über Moskau nach Mexico City.

    Ab Moskau sass ein merkwürdiger Mensch vor ihm im Flugzeug. Die Einzelstücke seiner Kleidung waren sauber und unauffällig, doch passten sie ungefähr genauso geschmackvoll zusammen wie die eines Clowns. Der Mann sah in seinen Kleidern einfach fehl am Platz aus. Was Johannes am meisten anzog, waren seine Augen. Seitdem er Ed kennengelernt hatte, konnte Johannes immer an den Augen sehen, ob ein Menschen für ihn wichtig war oder nicht. Die Zwischenmahlzeit zwischen Moskau und Shannon Airport war ein Käse-Schinken-Sandwich. Als Johannes damit fertig war, drehte sich der Fremde mit einem liebenswürdigen Lächeln um und sagte, dass er Vegetarier sei und Johannes so aussähe, als könne er ohne weiteres ein zweites Sandwich verzehren. So begann ein neuer Lebensabschnitt.

    In der Transitlounge von Shannon Airport kamen die beiden ins Gespräch. Der Fremde hatte mit geschlossenen Augen 20 min lang in einem Stuhl gesessen ohne sich zu rühren. Etwas später sprach Johannes ihn an, und er erklärte darauf, dass er Yogalehrer sei und in Puebla, einer Stadt in Mexico, eine Schule eröffnen würde. Falls Johannes Lust hätte, könne er jederzeit vorbeikommen und er würde Johannes gerne alles beibringen, was er über Yoga wüsste. Johannes erwiderte, dass er am liebsten gleich mitkommen würde, jedoch eine gesellschaftliche Verpflichtung zu erledigen hätte, die etwa einen Monat Zeit in Anspruch nehmen würde. Danach würde sich Johannes in Puebla einfinden. Er half dem Yogi in Mexico City noch durch Zoll und Immigration und verabschiedete sich.

    In Morelia angekommen wurde Johannes sogleich ins Leben der Familie und Firma Blum einbezogen, als wäre er niemals weggewesen. Die Erinnerung an sein Versprechen wurde dünner und dünner.

    Larry, Don Lorenzo's amerikanischer Name, brauchte dringend für eine kurzzeitige Investition Geld. Johannes löste seine Travellerschecks ein und stellte den gesamten Betrag zur Verfügung. Bald darauf hatte er bei einer Auslieferungsfahrt für die Zimmermannswerkstadt einen Unfall mit Rosa auf dem Beifahrersitz. Der Wagen überschlug sich wegen Aquaplaning und landete auf dem Dach, ein paar Hand breit vor einem Kanal. Sie krochen unversehrt aus den Fenstern ins Freie.

    Etwa zwei Wochen später beluden sie einen 7,5 Tonner, den sich Henry und Lorenzo gemeinsam gekauft hatten, mit einer Lieferung Folkart für Henrys warehouse. Mara, eine weitere Blumschwester, und Johannes wollten das Fahrzeug bis zur Grenze nach Tijuana fahren. Dort sollten die Waren nach San Francisco umgeladen werden. In der Nacht, kurz vor dem ersten Etappenziel war Mara am Steuer, während Johannes auf dem Beifahrersitz döste. Er wachte von ihrem Schreckensruf "Oh my God!" auf und sah zwei riesige Scheinwerfer mit rasender Geschwindigkeit mitten auf sich zukommen. Aus dem Innersten von Johannes Brust brach ein brachiales, wütendes "NOOOOO!" in voller Lautstärke hervor.

    Dieser Schrei, so sagte ihm Mara später, hätte sie dazu veranlasst, das Steuer herumzureissen und das Fahrzeug auf den Seitenstreifen zu lenken. Statt einem frontalen Zusammenstoss erfasste ein vierunzwanzigrädriger Sattelschlepperzug der San Miguel Brauerei ihren 7,5 Tonner "nur" mit der linken Ecke seiner Stosstange. Diese schlitzte die volle Länge der Verladefläche linksseitig wie eine Sardinenbüchse auf. Mehr durch das Herumreissen des Lenkrades als durch die Einwirkung des entlangschrammenden Lastzugs, fiel das Fahrzeug auf die rechte Seite und blieb, nach einigem Gerutsche, quer zur Fahrtrichtung mitten auf der Strasse liegen. Mara und Johannes krochen geschockt aber unverletzt eiligst aus dem offenen Fahrerfenster, um die Unfallstelle zu sichern.

    Nachdem das geschehen war, hätte Johannes sich am liebsten eine Weile in die Landschaft neben der Strasse gesetzt, um mit seinen Gedanken allein zu sein. Er hatte gerade eben noch dem sicheren Tod in beide Augen gesehen und war mit dem Sterben nicht einverstanden gewesen. Es war definitiv noch nicht seine Zeit. Es war nicht Angst gewesen, die ihn seine Verweigerung hatte herausbrüllen lassen, sondern blanke Wut. Die Sterne blinkten neben einem fast vollen Mond in dieser wunderschönen kristallklaren Nacht, in der Johannes seinem Schöpfer unter vier Augen versicherte, dass er die gewährte Verlängerung seines Lebens ganz im Sinne Gottes verwenden würde. Er hätte den Wink verstanden und würde sich bald möglichst nach Puebla begeben.

    Vom gegenerischen Lastzug war ausser einem Stück Spoiler und ein paar zerbrochenen Bierflaschen nichts zu finden. Es folgten noch einige durch die Unfallfolgen arbeitsreiche Tage, dann zahlte Don Lorenzo Johannes seinen Einsatz zurück und schlug jedes Angebot einer Schadensbeteiligung aus. Er könne es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, auch nur einen Peso dieses Geldes zu nehmen, das Johannes auf seinen weiteren Reisen dringender als er brauchen würde. Sie verabschiedeten sich alle in der Gewissheit, sie würden sich wieder begegnen.

    Als Johannes in Puebla ankam, fragte er nach "Dada". So hatte sich der Yogalehrer ihm vorgestellt. Als er zur Antwort die Frage "welcher?" bekam, wäre Johannes aus lauter Panik fast wieder ausgerissen. Ihm wurde schlagartig klar, dass hinter dem Yogalehrer eine ganze Organisation stand. Er hatte aber alle Organisationen ausser Handballklubs so sorgfältig wie die Pest gemieden. Auch jetzt wollte er damit eigentlich nichts zu tun haben. Doch sein still gegebenes Versprechen und die Umstände, die dazu führten, veranlassten Johannes dazu, die Fassung zu bewahren.

    Er wurde im Yogazentrum untergebracht, und man versuchte, ihn mit den verschiedensten Tricks in das Zimmer eines Deutschen Dada zu treiben, der Johannes "initieren" sollte. Johannes weigerte sich strikt und beharrte darauf, den Mann aus dem Flugzeug zu sprechen und keinen anderen. Um dem ständigen Erwartungsdruck zu entgehen, flüchtete er am nächsten Tag in einen Park und kehrte erst am späten Nachmittag zum Yogazentrum zurück. Als Johannes an der Tür klopfte, öffnete ihm Dada - der richtige - die Tür, während er mit der anderen Hand aus einer Pfanne mit geübtem Schwung ein Fladenbrot in die Luft warf, um es umgedreht wieder aufzufangen. Dada sah ihn nach dem Auffangen kurz von der Seite an und sagte bloss "Wir gehen gleich weg, nach Cuernavaca. Wir wollen nur noch schnell essen." Johannes fiel ein Stein vom Herzen, und das erste nicht gequälte Lächeln seit seiner Ankunf in Puebla breitete sich über seine Lippen aus.

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    Vorbild & Vorbild des Vorbilds

    In Cuernavaca fügte sich Johannes nahtlos in den Lebensrhythmus des Yogi ein, schlief, wenn dieser schlief, setzte sich still dazu, wenn er meditierte, machte dessen Yogaübungen nach, leistete beim Essenkochen Zulieferdienste, usw. Nach ein paar Tagen erhielt er Meditationsinstruktionen im Rahmen einer Initiation und wurde ab sofort Djagadisch genannt. Ansonsten waren sie ziemlich ungestört, Dada und Johannes, in einer Situation, wie Johannes sie sich erwünscht hatte: Ein Lehrer, dem er blind vertrauen konnte nur für sich allein. Die Idylle hielt über Monate an, und Johannes assimilierte mit grosser Geschwindigkeit alle wesentlichen Angewohnheiten eines Yogi. Der erwähnte zwar, dass sein eigentlicher Name Shantatmananda sei, doch dauerte es Wochen bis Johannes den Namen behalten konnte. Nach einiger Zeit gesellten sich andere junge Männer dazu, und es begann ein systematischer Unterricht mit verschiedenen Fächern wie spiritueller Philosophie, sozio-ökonomischer Theorie, Neohumanismus, Soziale Normen, Sanskrit usw. Johannes erfuhr durch andere, dass er nun ein LFT sei, ein "Local Full-Timer".

    An den Wochenenden fanden Gruppenmeditationen statt, und langsam steigerten sich die Aktivitäten im Haus, das ein Sympathisant zur Verfügung gestellt hatte. Alle sprachen immer von dem Mann, vor dessen Foto auf einem als Altar dienenden Beistelltisch die Gruppenmeditationen statt fanden. Johannes hatte mit "BABA", wie sie ihn nannten, nichts im Sinn. Er war und blieb ein Foto für ihn. Trotzdem nahm er es widerwillig zur Kenntnis, dass "BABA" ganz offensichtlich der Lehrer seines Lehrers war.

    Eines Tages, die anderen jungen Männer waren wieder verschwunden, fuhren sie zu einem Vortrag nach Mexico City. Dort angekommen stellte sich heraus, dass es keinen Übersetzer gab. Shantatmananda sah Johannes ruhig an und informierte ihn, dass er nur zehn Worte Spanisch sprechen könne, Johannes aber mindestens hundert, und dass Johannes deswegen seine Rede übersetzen würde. Die Zuhörer waren wie alle Latinos mehr als hilfsbereit, und da einige von ihnen sicherlich besser Englisch verstanden als Johannes Spanisch sprach, und ausserdem mit enormem Einfühlungsvermögen fehlende Schlüsselworte ergänzten, verlief die "Übersetzung" glatt.

    Johannes hatte zweifellos am meisten dazugelernt, denn jedes Wort, das die wohlwollenden Zuhörer ergänzend eingeworfen hatten, brannte sich unauslöschlich in sein unter Stress weit geöffnetes Gedächtnis ein. Von nun an übersetzte Johannes regelmässig, und als sie sich später auf eine Tour durch Mexico begaben, ständig. Innerhalb weniger Monate lernt er nicht nur fliessend Spanisch, sondern auch den Sinn der von ihm übersetzten Worte. Während des Unterrichts in Cuernavaca hatte Dada Johannes oft genug abgewinkt, wenn er eine Frage stellen wollte, nur um diese im nächsten Atemzug (ungestellt) zu beantworten. Die gleiche Art von mentaler Verbundenheit beherrschte auch die Übersetzungen. Sie wurden ein gut eingespieltes Team, das zur Verständigung keine Worte benötigte.

    Da Johannes den Unterhalt seines Dada teilweise sponsorte, wurden seine finanziellen Mittel schneller knapp, und er beschloss durch ein paar Monate Arbeit für Henry in San Francisco seine Kasse wieder aufzufüllen. Auf dem Weg nach Kalifornien hielt Johannes ein paar Tage bei den Blums in Morelia an. Seine Gewohnheiten verursachten keine grösseren Fragezeichen. Der älteste Sohn Jose, ein katholischer Priester, war zu Besuch. Er fragte Johannes, ob er auf dem Rückweg einen kleien Pickup Truck aus den USA mitbringen könne, und wollte ihm gleich eine Anzahlung dafür mit auf den Weg geben. Johannes lehnte die Anzahlung ab, und fragte nach Preisgrenze und spezifischen Wünschen.

    In der Bay-area waren Henry und Rosa inzwischen in ein kleines Haus nach Berkley umgezogen. Auch Henrys vergrössertes warehouse befand sich mittlerweile in Berkley. Wie immer gab es genug zu tun. Henry und Rosa benutzten die Anwesenheit von Johannes, um einen Einkaufstrip nach Mexico zu machen. Dadurch hatte Johannes Henrys Auto zur freien Verfügung, und Ed zeigte ihm so ziemlich alle interessanten Winkel zwischen Silicon und Nappa Valley. Johannes war erstaunt, das Ed auch in Berkley ein Discovery Treffen leitete. Er kannte Berkley genauso gut wie San Francisco und Oakland. Die besonderen highlights von Berkley waren 2nd-hand Buchläden, allen voran der Pendragon, und ein wöchentliches Trommeltreffen im "pine grove" des Universitätsparks.

    Auf dem Rückweg nach Mexico machte Johannes bei einem deutschen Dada halt, der mit Automobilen so eifrig Handel trieb, dass er scherzhaft Toyotananda genannt wurde. Nachdem er einige Tage seine Arbeitsweise beobachtet hatte, beschloss Johannes, kein Auto von ihm zu kaufen. Im Anzeigenteil der Tageszeitung fand sich bald ein passendes Fahrzeug.

    Mittlerweile hatte das grosse Erdbeben von Mexico stattgefunden, und seine Yogaorganisation beschloss, ein Team und Geräte zur Katastrophenhilfe nach Mexico zu schicken. Der von Johannes gekaufte Pick-up wurde mit allem möglichen Gerät und vier weiteren Personen beladen, und auf ging's nach Mexico. Zwei Dadas sassen vorne und wechselten sich beim Fahren ab, währen die LFTs hinten zu dritt auf der offenen Ladefläche um ihr Leben bangten, denn einer der beiden Dadas war vorher Rennfahrer gewesen und zusätzlich von irischer Abstammung. Die Fahrt verlief ohne Unfälle, aber nicht ohne Pannen. Ein Reifen platzte, und bald hinter der mexikanischen Grenze fiel die Benzinpumpe aus. Da sie aber mit Hilfsgütern auf dem Weg nach Mexico City waren, half man ihnen überall so gut es ging.

    In Mexico City angekommen fand Johannes heraus, was dort gebraucht wurde und was sie geladen hatten. Gebraucht wurden Schaufeln, Schubkarren, Vebandsmaterial, Decken. Geladen hatten sie vier veraltete Geräte zum Auspumpen des Magens, einige Säcke alter Kleidungsstücke, die sie auf der offenen Ladefläche vor dem Erfrieren gerettet hatten, und eine gute, solide Plane, die sie vor dem Regen geschütz hatte. Diese Plane stellte sich als das einzig wirklich Brauchbare heraus.

    Seit dem Beben war inzwischen eine Woche vergangen, und das Schlimmste war überstanden. Viele Leute mussten zwar noch auf der Strasse leben, was aber bei den herrschenden Witterungsbedingungen nicht so tragisch war. Das Yogateam fragte sich, wie sie sich wohl nützlich machen könnten. Der dazu gestossene Schantatmananda schlug vor, dass sie mit dem Auto zum Grossmarkt fahren, dort Lebensmittel sammeln, diese dann kochen und verteilen könnten. Gesagt - getan, nur wurde beim Kochen nicht ganz der mexikanische Geschmack getroffen. Die internationale vegetarische Katastrophenküche, besetzt mit einem französischen Dada, einem Ir(r)en - Dada, einem Amerikaner, zwei indischen Dadas und Johannes produzierte Mahlzeiten, die auf jedem Yoga Retreat widerspruchslos verzehrt worden wären, jedoch dem Durchschnittsmexikaner weder in Farbe, Geruch noch Geschmack bekannt waren. Man roch vorsichtig an den Tellern, probierte ein Löffelchen und begab sich dann damit unauffällig ausser Sichtweite.

    Das Team begann zum zweiten Mal zu überlegen, wie den Leuten denn wirklich zu helfen sei. Eigentlich brauchten sie weder Essen noch Kleidung, weder medizinische Versorgung noch Arzenei, auch für (Not-) Unterkünfte und Decken war eigentlch schon gesorgt. Sie brauchten nur ein kleines bisschen Aufmerksamkeit, ein bisschen Ablenkung, regelmässiges (echtes) Lächeln und eine unbegrenzte Menge guter Laune. Vom Moment, in dem der französische Dada auf den Gedanken gekommen war, ein paar Lieder zu spielen, waren sie immer willkommen. Sofort bildeten sich Trauben von Menschen, die mitsingen wollten oder einfach nur zuhörten. Wie von selbst ergaben sich danach Basketballspiele, Sprachunterricht für Kinder und Beratungen mit den Älteren. Gab's ein Problem, so wurde es mit dem Team diskutiert - gelöst haben es die Leute dann selbst. Ungefähr zwei Wochen später lieferte Johannes das Auto, das diesen ganzen Einsatz ermöglicht hatte, in Morelia ab.

    Noch im gleichen Jahr sollte ein grosses jährliches Yoga Treffen, ein "Retreat" auf überregionaler Ebene in Cuernavaca stattfinden. Leute würden aus ganz Mexico, Guatemala und El Savador kommen. Bei den Vorbereitungen und der Durchführung verliefen die Johannes übertragenen logistischen Aufgaben reibungslos. Am Ende des insgesamt ausgezeichnet verlaufenden Retreats wurden alle möglichen Preise verteilt, z.B. für die besten Yogaübungen, den besten LFT, die beste Organisationsarbeit, usw. Auf diese Weise erhielt Johannes ein Foto von BABA, einen Anhänger mit dem Symbol der Organisation, den alle ausser Johannes bereits trugen, und zwei Stück spezielle Yoga-Unterhosen. Auch sonst wurde er auf dem Retreat mit allerlei Gewohnheiten und Paraphernalia vertraut, die Shantatmananda zwar selbst praktizierte und benutzte, sich aber damit bei Johannes nicht hatte aufdrängen wollen.

    Bemerkenswert ist noch die Sinneswandlungen eines grossen, schwarzen Hundes. Der Retreat fand auf einem Gelände mit vielen Cottages statt, die praktisch von jedem angemietet werden konnten. Es befanden sich neben der Yoga Gruppe auch etliche Familien auf dem Gelände, eine davon mit dem oben erwähnten Hund. Bei der Ankunft der Yogaleute hatte er sich wie toll gebärdet, stürtzte sich geifernd und heulend von der Türschwelle seines Cottages auf jeden, der vorbeilaufen musste, und wurde nur durch die sich plötzlich um seinen Hals straffende Kette zurückgerissen, wobei sein Geheul in einem erstickten Grollen endete. Als Johannes nach der ersten gemeinsamen Meditation die Augen öffnete, sass der Hund neben der Eingangstür und verlies gleich darauf lautlos den Raum. Von diesem Moment an war keine Kette mehr nötig. Wenn jemand an seinem Cottage vorbeilief, kam der Hund freundlich die Treppe herunter und wedelte grüssend mit dem Schwanz. Er verpasste keine einzige Gruppenmeditation, weder morgens, noch mittags, noch abends. Er erschien jedesmal lautlos, sobald der Gesang beendet war und sich alle zur Meditation niedersetzten. Und er entfernte sich ebenso lautlos bei deren Ende. Johannes behauptet, dass er ihn hätte mehrfach lächeln sehen.

    Von nun an wurde Djagadisch alias Johannes langsam aber sicher immer stärker in die Organisation eingebunden. Er nahm an verschiedenen Treffen und Konferenzen in den USA und Mexico teil, in deren Verlauf der Entschluss in ihm reifte, den Lehrer seines Lehrers zu besuchen. Es gab einfach keinen Weg daran vorbei. Die Reise nach Indien brachte ein paar Wochen Aufenthalt in Deutschland mit sich, in deren Verlauf er zwar seine Schwester, ein paar wenige Freunde und seine Tante besuchte, aber sich im wesentlichen innerhalb des organisatorischen Netzwerkes bewegte.

    In Indien angekommen, machte er auf dem Weg von New Dehli nach Calcutta, dem Hauptsitz der Organisation, einen Zwischenstop, um alte Freunde seines Dada zu besuchen. Im wesentlichen überbrachte er ihnen die verbliebenen Schmuckstücke seiner Mutter. Die kamen ungefähr genauso gut an wie das vegetarische Essen bei den mexikanischen Erdbebenbetroffenen. Sie waren zwar definitiv aus Gold, aber eben genauso definitiv nicht "al la mode" in Indien. Johannes sprach zur allgemeinen Erleichterung die in der Luft liegende Idee, sie einzuschmelzen und umzuarbeiten, laut aus. Das war jetzt schon das zweite Mal, wo gute Absicht alleine nicht ausreichte.

    In Calcutta angekommen, begab sich Johannes sofort zum Haus des Lehrers seines Lehrers. Die Strasse war vollgestopft mit Leuten, die ihn zu einem grünen Tor wiesen, das er genauso überragte, wie alle Menschen in der Strasse. Auf sein Klopfen öffnete ein bärtiger Mann in orangener Uniform und Turban der Yogamönche und sagte völlig perplex "Mein Gott!" Johannes wurde sich schlagartig des äusserlichen Gegensatzes bewusst, den er zu seiner Umgebung bildete. Der silberne Ohrring mit seinem militärischen Kurzhaarschnitt und den schwarz gefärbten Militärhosen passten zu dem Aussehen aller anderen Anwesenden wie ein Buchhalter in die Punkszene. Er durfte trotzdem (gebückt) eintreten und war angenehm überrascht, dass zwar alle Augen sich kurz in Erschrecken weiteten, aber dass er nach wenigen Minuten in die Menge gehörte, wie eine Ente ins Wasser. Es fühlte sich an wie zuhause. Das war nicht das richtige Wort, denn so zuhause hatte er sich zuhause bei seiner Blutsfamilie nie gefühlt, auch nicht bei den Blums in Mexico, oder bei Henry und Rosa. Johannes hatte das bestimmte Gefühl angekommen zu sein.

    Man gab ihm die Möglichkeit zu duschen und bot ihm zu Essen an. Er liess beides dankend über sich ergehen. Man sagte ihm, dass "Baba", der Lehrer seines Lehrers sich bald auf den nachmittäglichen Spaziergang begeben würde. Alle Leute warteten darauf, ihn vorbei gehen zu sehen. Johannes nahm es zur Kenntnis, konnte aber die Erregung, mit der die meisten Anwesenden dem Moment entgegenfieberten, nicht teilen.

    Es verging bestimmt eine Stunde, bis plözlich Bewegung in die Menge kam. Alle zusammen sangen sie, während sich jeder Einzelne so gut es ging gutmütig nach vorn zu drängeln versuchte. Johannes wurde davon nach rückwärts in eine offene Garage gespült. Er stand etwa zwei bis drei Meter von einem kleinen rechteckigen Fenster entfernt, durch das er gerade bequem hätte seinen Kopf hindurchstecken können. In diesem Moment ging Baba auf der anderen Seite des Fensters vorbei und verharrte für ein Sekunde im Fenster wie ein Porträt in einem Fotorahmen.

    In selben Moment, in dem Johannes Augen zum ersten Mal Baba berührten, hob seine Schädeldecke etwa einen halben Meter vom Kopf nach oben ab, und sein Hirn schien den Raum dazwischen auszufüllen. So jedenfall beschrieb Johannes seine zweifellos angenehme Empfindung. Er hatte gleichzeitig das Gefühl, erheblich an Gewicht verloren zu haben, sozusagen halb zu schweben. Für die nächsten Stunden nahm Johannes alles etwas verschwommen wahr, in einer Art Rausch, dem kein Kater zu folgen drohte. Zumindest sein Hirn war eins mit dem Universum, und der ganze Rest von ihm war dadurch indirekt auch irgendwie mit allem verbunden. Später verwiess Johannes darauf oft als sein Saulus - Paulus Erlebnis. Er fühlte die gleiche liebevolle Neutralität, mit der er damals im Operationssaal auf seinen Körper und die Operateure geblickt hatte. Aus seinem Herzen stieg der Entschluss auf, in Zukunft für die Ziele seines Baba zu leben.

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    Aussen und Innnen

    Im Laufe der folgenden Jahre hatte Johannes viele Begegnungen mit seinem Guru. Bei den schönsten war niemand anderes dabei. Sie fanden innerlich statt. Einmal war Johannes auf dem Weg von Kathmandu zur indischen Grenze nach Sonauli. Der Nachtbus hatte ungefähr einen Meter fünzig Innenhöhe, und der Sitz war so eng, dass Johannes nur mit bis zum Kinn angezogenen Knien sitzen konnte. Er fragte sich, wie er wohl die mindestens 8-stündige Fahrt überstehen sollte. Kurz nach der Abfahrt schlief er ein und Baba kam im Traum. Er massierte Johannes den Nacken und die Schulter auf so unglaublich süsse Weise, dass Johannes beim Aufwachen Minuten brauchte, bis er die Realität des Busses begreifen konnte. Er hatte durchgeschlafen und war so erholt, wie nach einem 6-wöchigen ayurvedischen Kuraufenthalt mit täglichen Wellness Anwendungen in Sri Lanka.

    Ein andermal meditierte Johannes in einem Raum des Ashrams, bestimmt 100 Meter entfernt vom Aufenthaltsort Babas. Plötzlich hatte er das Gefühl, die Wände wären aus Glas und er schwebe auf Baba zu. In zwei, drei Meter Entfernung kam er zum Halt und blickte schräg auf den vor ihm in Meditation sitzenden Baba herunter. Aus dem Scheitelchakra von Johannes quoll eine milchartige Flüssigkeit hervor, die überall an seinem Kopf herunterlief, auch über die Augen. Er sah danach stundenlang alles verschwommen wie durch einen milchigen Schleier. Aus seinem Scheitelchakra hatte sich auch eine netzartige Haube entfaltet, deren einzelne Knoten für Tage so spürbar waren wie Erbsen unter der nackten Fußsohle.

    Ein andermal war er mit einer Gruppe von Amerikanern und Mexikanern zusammen, die er fast alle gut kannte. Sie hatten sich in einem Raum mit mehreren Fenstern versammelt, der sich fast unmittelbar gegenüber von Babas Zimmer im nächsten Gebäude befand, und sangen devotionale Lieder. Einer der Mexikaner geriet immer mehr in Verzückung und fiel schliesslich regungslos zu Boden. Während die anderen in der am weitesten entfernten Ecke eng zusammenrückend ängstlich an ihren Liedern festhielten, hatte eine magische Anziehungskraft Johannes veranlasst, sich zu dem am Boden Liegenden zu setzen. Johannes nahm dessen Kopf in seinen Schoss und ihn überströmten unaufhöhrlich die Tränen der Glückseligkeit, die er mit dem regungslosen Mexikaner teilte. Die beiden brauchten in Zukunft untereinander keine Worte mehr. Durch das gemeinsame Erlebnis war eine Brücke entstanden, die jede andere Kommunikation überflüssig machte.

    Später, nachdem Johannes Mönch und Yogalehrer geworden war, begann er die Anwesenheit von Baba auf subtilere Art zu bemerken. Vor allem in Penang, Malaysia wurde Babas Presenz in der wöchentlichen Gruppenmeditation oft spürbar. Sie sangen die Lieder so hingebungsvoll, dass die Vögel aus der ganzen Umgebung kamen und sich die Arten völlig vermischend in langen Reihen auf dem Grundstückszaun niederliessen, um mitzusingen. Das wurde erst hörbar, wenn die Gruppe aufgehört hatte zu singen und sich zur Meditation niederliess. Die Vögel sangen dann noch etliche Minuten in einem unbeschreiblich vielfältigen und doch harmonischem Chor unbeirrt weiter. Auch ein nachbarlicher Muslim Fundamentalist äusserte seine Meinung. Er warf während des Singens immer wieder kleine Steinchen auf das Vordach. In den solchen Gruppenmeditationen folgenden von Djagannathananda, alias Johannes, gegebenen Diskurs hatte er oft das Gefühl, zumindest teilweise (von Baba) gesprochen zu werden.

    Nach seinem ersten Zusammentreffen mit Baba war Johannes wieder nach Zentralamerika zurückgekehrt. Da sein Dada mittlerweile in Guatemala wirkte, begab er sich dorthin. Wieder war eine Gruppe von jungen Männern zusammengekommen, um in den verschiedenen Aspekten von Yoga unterrichtet und trainiert zu werden. Dada übertrug Johannes Teile des Unterrichts. Als nach einiger Zeit wieder das Geld zuneige ging, beschloss Johannes nach San Francisco zu gehen und wieder eine Weile für seinen Freund Henry zu arbeiten. Beim Abschied schlug Dada vor, dass Johannes auf dem Weg in die USA in Cuernavaca anhalten solle, um sich dort nach einem Haus umzusehen: "In Mexiko hat unsere Organisation noch keinen einzigen Besitz. Wir brauchen ein eigenes Zentrum dort."

    "Anschauen kostet nichts,"
    dachte sich Johannes, "und wenn es meinem Dada wichtig ist, dann schaue ich halt mal nach einem Haus, obwohl ich keine Ahnung habe, wo er oder ich das notwendige Geld herkriegen soll."

    Johannes sah sich dann auch eine Reihe von Häusern in Cuernavaca an, alle aus dem einen oder anderen Grund völlig ungeeignet. Als er schon erleichtert am Abreisen war, kam ein Mitglied der Organisation und brachte ihn zu einem Haus, das Johannes sofort gefiel. Das Fundament war so solide, wie die Besitzerin, zu der Johannes auf dem Rundgang durch die beiden Gebäude sofort ein in Mexico normalerweise nicht angebrachtes Vertrauen entwickelte.

    Als er gerade dabei war, sich mit einigen höflichen Floskeln zu verabschieden, fragte sie ihn, welches der beiden Häuser ihm denn besser gefalle. Johannes hörte sich zu seinem eigenen unbegrenzten Erstaunen sagen "Sie gefallen mir beide. Ich möchte sie beide kaufen." Ich sehe noch genau das ungespielte Erstaunen in seinen Augen, als ich diese Geschichte aus Johannes eigenem Mund hörte.

    "Ich dachte nur: In Ordnung, das war ich nicht. Das hast du gesagt, Baba. Jetzt musst du mir auch alles weiter vorsagen,wie ich die Geschichte zu Ende bringen soll. Ich stelle meinen Körper samt Kopf zur Verfügung, und du machst die Pläne und sorgst irgendwie dafür, dass sie ausgeführt werden. Ich höre."

    In der darauf folgenden halben Stunde sprudelte ein Plan aus Johannes heraus, der festlegte, an welchem Tag innerhalb des nächsten Jahres er wieviel Geld bezahlen würde. Sein von den Eltern ererbtes bis jetzt unangetastetes Geld würde die erste Rate darstellen.

    Die Besitzerin hielt sich genauso strikt wie Johannes an alle Abmachungen. Es gab nie einen schriftlichen Vertrag, und als der mexikanische Peso gegenüber dem Dollar plötzlich in den Keller fiel, legte Johannes seinen Zahlungen den Wechselkurs zum Zeitpunkt der mündlichen Abmachungen zu Grunde. Das Geld für die Zahlungen erwarb er durch Autos. Er wurde für ein Jahr zum Gebrauchtwarenhändler und hielt zu seiner eigenen Verwunderung jeden einzelnen der Termine ein.

    "Das war das ungewöhnlichste Jahr meines Lebens." erzählte Johannes, "Ich kann es nur so beschreiben, dass alle Ampeln immer grün wurden, sobald ich mich ihnen näherte. Und nicht nur die Ampeln. Mein ganzes Leben in diesem Jahr verlief so - immer alles auf grün. Mit der Zahlung der letzten Rate hörte das sofort wieder auf. Die Ampeln waren dann wieder mal rot, mal grün."

    Johannes hatte von den mechanischen Aspekten eines Autos keine Kenntnisse, die über das Wechseln eines Reifens oder Auspuffs hinausgingen. Bei zehn Autos, die er im Verlauf des kommenden Jahres in den USA kaufte und in Guatemala und El Salvador verkaufte, und von denen er jedes einzelne mindestens 4000 Meilen fuhr, wechselte er einmal einen platten Reifen.

    "Da ich von Autos keine Ahnung habe, kaufte ich niemals von einem Händler. Ich kaufte nur von Privatpersonen, und sah sie und ihr Haus zuvor an, denn von Menschen habe ich eine Ahnung. Wenn mir das Bad und die Küche gefielen, und die Menschen o.K. waren, dann kaufte ich das Auto. Es war keine einzige Gurke dabei."

    Einmal fuhr Johannes im Frühsommer in kurzen Hosen aus Denver, Colorado Richtung Süden los. In Texas kam er in einen Blizzard.

    "Ich fuhr die ganze Nacht weiter, denn Anhalten kam nicht in Frage. Ich wäre erfroren. Dreimal bin ich von der Strasse gerutscht, zweimal davon konnte ich mich selber aus dem Schnee graben, beim dritten Mal hielt jemand mit einer Winde. Als ich im Morgengrauen im Schrittempo durch eine texanische Kleinstadt fuhr, drehte sich urpötzlich mein Fahrzeug um 180 Grad. Dabei rutschte es genau zwischen zwei Fahrzeugen auf die und fuhr nun in umgekehrter Richtung weiter, als wäre nichts geschehen. Das war das Zeichen für mich anzuhalten und einen Kaffee zu trinken."

    Mit einem anderen Wagen war Johannes in San Salvador angekommen, sein Geld war alle, der Tank war leer. Ein Interessent aus einer 40 km entfernten Stadt meldete sich telefonisch. Johannes fuhr auf Reserve hin. Der Interessent kaufte das Auto zwar nicht, aber gab es ihm nach der Probefahrt vollgetankt zurück. Mittels dieser Tankfüllung konnte dann der tatsächliche Käufer erreicht werden.

    Das ganze Jahr war eine Serie von Variationen dieser Geschichten, wobei sich durch den zeitweiligen Besitz jedes Fahrzeuges auch noch zahlreiche organisatorische Aufgaben en route bewältigen liessen. Dazu zählten unter anderen ein Erdbebenhilfe-Einsatz in El Salvador, die Organisation und Durchführung eines interamerikanischen Yogatreffens in Mexico City, eine missionarische Rundreise durch Honduras, und die Betreuung verschiedener Meditationsgruppen auf den Durchreisen durch Mexico.

    Nach der letzten Zahlung besuchte Johannes das Haus nur ein einziges Mal. Die ehemalige Besitzerin wohnte jetzt schräg gegenüber und er hatte den Eindruck, dass sie den Verkauf bereute und das Haus immer noch als ihres fühlte. Johannes spürte ihren Schmerz in seinem Herzen. Er selbst hatte niemals das Gefühl gehabt, dass es sein Haus sei, obwohl alle anderen nur so davon sprachen. Er wusste besser, wer das Haus wirklich gekauft hatte und schätze sich glücklich, beim Kauf instrumentell gewesen zu sein.

    Nach diesem Jahr spürte er nie wieder den Druck, unbedingt etwas Gottgefälliges tun zu wollen oder gar auf Druck von aussen tun zu müssen. Johannes: "Wenn Gott etwas will, dann findet er einen Weg und jemand, der es tut. Ich würde mich glücklich schätzen, wieder dabei zu sein."

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    Jetzt

    Wann immer ich Johannes auf sein buntes Leben zurückschauend erlebt habe, scheint er jedesmal ein Anderer zu sein. Oft merke ich erst ganz am Ende einer Geschichte, dass ich sie zum zweiten oder dritten Mal höre, so anders wurde sie von Johannes erzählt. Oder habe ich dieses Mal vielleicht ganz anders zugehört? - Und nun begreife ich auch, warum er seine ganzen Tagebücher, Fotos und andere Erinnerungsdokumente immer wieder verbrannt hat. Seine Geschichten leben. Er möchte seine Gegenwart nicht durch eine vor zwanzig oder dreissig Jahren benutzte Brille sehen müssen. Er will sich die Freiheit bewahren, seine Erinnerungen jedesmal anders zu erleben, und die sich daraus für die Zukunft ergebenden Schlussfolgerungen immer neu ziehen zu können.

    Johannes ist ein Freiheitsfanatiker, so sehr, dass er seine eigenen Erinnerungen als fesselnd empfindet. Oder hat er etwa recht? Könnte es tatsächlich sein, dass wir mit unseren Versuchen, die Vergangenheit so gut es geht zu dokumentieren und festzuhalten, Veränderungen erschweren? Könnte es sein, dass wir gerade dadurch unsere Zukunft fixieren und gewissermassen vorausbestimmen?

    Es sind nicht nur die Vorkommnisse und Ereignisse, die Johannes irgendwann irgendwo durchlebte, es sind auch die immer weiter stattfindenden Veränderungen in der Person Johannes, die sich in seinen lebenden Geschichten widerspiegeln. Ich fragte ihn einmal, welches nach seiner Meinung das wichtigste Ereignis in seinem Leben gewesen sei. Er warf mir einen jener Blicke zu, die direkt ins Herz gehen und sagte, "Deine Frage gerade eben." Johannes genoss einen Moment das Fragezeichen in meinem Gesicht und fuhr dann fort:

    "Aber ich glaube, du meinst etwas anderes. Weisst du, als sich damals im Operationssaal mein Geist von meinem Körper trennte, da war ich so nah an Gott, wie nur jemand kommen kann, ohne seinen Körper zu verlieren. Da ich meine Erfahrung damals mit niemand teilen konnte - heute ist das viel einfacher - habe ich viele Jahre versucht, dieses Erlebnis in einer geschlossenen Schublade meines Gedächtnisses versteckt zu halten. Erst viel später habe ich die Kraft und den Mut finden können, meinem Erlebnis zu erlauben, sich unbehindert zu entfalten. Hätte ich das gleich gemacht, dann gäbe es viel weniger Geschichten zu erzählen. Mein Leben hätte sich schon damals nach innen gerichtet, und wäre nach aussen hin nicht so bunt verlaufen. Damit meine ich nicht farblos, nein - die Farben hätten sich nach innen entfaltet, und diese Erlebnisse wären viel schwieriger mitzuteilen. Ausserdem habe ich seither keine Angst mehr vor dem Tod; vor dem Prozess des Sterbens vielleicht, aber nicht vor dem Tod. Den gibt es nämlich nicht."



    quellennachweis für fotos, graphiken & bilder:
  • Yin & Yang - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Taijitu_polarity.PNG
  • Venus & Mars - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Symbols-Venus-Mars-joined-together.png
  • Masken - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:P_culture.svg

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